Man kann Reformen angreifen. Eine Zukunft nicht.
Über Retrotopia, den Frame der Nostalgie und die Frage, warum eine Regierung die Stimmung erzeugt, die ihre Gegner ernten.
Menschen handeln nicht auf Basis dessen, was ist, sondern dessen, was sie erwarten.
Erinnern wir uns an den Satz aus dem Kanzleramt nach dem WM-Aus: Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott. Ich habe letzte Woche geschrieben, warum dieser gut gemeinte Satz die Tür schließt: Trost statt der Frage, warum wir schon das dritte Turnier in Folge zu früh nach Hause fliegen. Heute geht es nicht um Fußball. Heute geht es um Führung, und darum, dass dieser Reflex kein Ausrutscher war. Er ist die Regierungsmethode.
Seilspringen auf der Stelle
Diese Woche konnte man ihn wieder besichtigen. Vor der nächtlichen Koalitionsrunde kündigte der Kanzler einen “großen Sprung nach vorn in der Modernisierung unseres Landes” an. Heraus kam ein Reformpaket, das Gabor Steingart in vier Worten seziert hat: “Minimalkonsens, verkauft als Durchbruch.” Und in seinem Post zum Wachstum zählte der Kanzler auf, was alles zu tun sei, um das Potenzial der Wirtschaft zu heben: Bürokratieabbau, massive Änderungen am Datenschutz, der Kampf gegen sozialen Missbrauch… “das werden wir ganz ernsthaft unter Kontrolle bringen”. Man lese die Liste zweimal: lauter Werkzeuge, kein Bauplan. Kontrolle ist das Vokabular des Verwaltens. Rente, Bürgergeld, Haushaltslöcher, Verbrennerverbot. Jede Woche eine Reform, jede Reform eine Zumutung, jede Zumutung alternativlos. Was fehlt, ist ein einziger Satz darüber, wohin das alles führen soll. Es wird repariert, verteidigt, abgefedert, gerettet. Aber nicht gebaut. Ein großer Sprung braucht eine Richtung, sonst ist er nur Seilspringen: harte Arbeit, aber auf der Stelle.
Nach dieser Feststellung folgen, wie immer, zwei Reaktionen. Die eine sagt: Genau, die Kommunikation ist das Problem, es braucht mehr Optimismus, bessere Erzählungen, ein Narrativ. Die andere sagt: Regieren ist Handwerk, Visionen gehören zum Arzt. Die eine will Rhetorik, die andere will Ruhe. Beide übersehen dasselbe.
Sagen, was ist
Jede Reform ist ein Verteilungskampf mit identifizierbaren Verlierern. Und Populismus ist das Geschäftsmodell, Verlierer einzusammeln. Wer nur über Reformen spricht, liefert seinen Gegnern jede Woche neue Munition frei Haus: Hier, die Rentenkürzung. Hier, die Zumutung. Hier, der Verlust. Man kann jede einzelne Reform angreifen, zerreden, skandalisieren. Eine Zukunft kann man nicht angreifen. Man kann ihr nur eine bessere entgegensetzen.
Und genau das kann die AfD nicht. Ihr Produkt ist das Gegenteil von Zukunft. Es ist Retrotopia: die Rückkehr zu einem Deutschland, das es so nie gegeben hat. Dasselbe Deutschland, das auch die Härter-strenger-disziplinierter-Rufer im Sport beschwören. Es ist derselbe Reflex, nur mit anderem Vorzeichen.
Aber jetzt der Satz, der uns wirklich alarmieren sollte. Am Wochenende, in Erfurt, wurde Alice Weidel mit über achtzig Prozent im Amt bestätigt, und das ganze Land diskutierte anschließend neun Minuten Fernsehen: Weidel gegen Hayali, Framing gegen Faktencheck, jeder Clip millionenfach geteilt, jede Seite sicher, gewonnen zu haben. Mitten in diesem Schlagabtausch sagte Weidel, ihre Partei werde die Zukunft des Landes gestalten, egal wie das Framing sei. Man lese das zweimal. Die Partei der Rückkehr besetzt das Vokabular der Zukunft. Sie kann das, weil die Stelle vakant ist. Während die Regierung ein Steuerpaket verteidigt, greift die Opposition nach dem größten Wort, das die Politik zu vergeben hat.
Solange die Regierung im Frame der Verteidigung spielt, im Frame von Krise, Verlust und Wiederherstellung, gewinnt immer das Original der Nostalgie. Nie die Kopie. Und wenn die Nostalgie auch noch “Zukunft” sagen darf, ohne dass jemand widerspricht, ist der Frame vollständig verloren.
Die antizipierte Zukunft – Leadership ist gefragt
Die naheliegende Schlussfolgerung wäre: Dann braucht es eben eine Vision, ein Leitbild, eine Kommission, die eines erarbeitet. Hochglanz, Zielbild 2040, drei Beraterfirmen. Das ist der rhetorische Reflex, und er ist genauso wirkungslos wie der technokratische. Die Ampel hatte eine Transformationserzählung, und sie ist am Heizungsgesetz zerschellt. Vision ohne Lieferung ist nur eine weitere Enttäuschung mit Ansage. Es geht nicht um Vision statt Reformen. Es geht um die Reihenfolge.
Ich nenne es die antizipierte Zukunft: Menschen handeln nicht aufgrund dessen, was ist, sondern aufgrund dessen, was sie erwarten. Eine Regierung, die nur über Krisen spricht, produziert die defensive Erwartung. Wer Abstieg erwartet, spart statt zu investieren, verwaltet statt zu gründen, protestiert statt sich zu beteiligen. Die Regierung erzeugt so, Woche für Woche, exakt den Pessimismus, von dem ihre Gegner leben. Sie sät eine Stimmung aus Untätigkeit, Frustration und Ermüdung – und die “Alternative” erntet sie. Das ist keine Verschwörung. Es ist ein Mechanismus, er läuft seit Jahren, und er läuft weiter, bis ihn jemand unterbricht. Aber was tun?
Die Unterbrechung ist einfacher, als sie klingt: erst das Wohin, dann die Reform als Instrument. “Wir bauen X, deshalb Y” ist verteidigbar, denn wer Y angreift, muss gegen X argumentieren. “Y ist alternativlos” ist unverteidigbar, denn es gibt kein X, für das sich der Schmerz lohnt. “Ro! Ro!”, heißt es auch diese Woche, nicht weil die Norweger müssen, sondern weil sie dürfen. Ein Dugnad, ein kollektiver Einsatz, funktioniert nur, wenn alle wissen, woran gebaut wird. Niemand krempelt die Ärmel hoch für einen Haushaltsposten. Mehr Mut, jetzt müssen alle ran, wir müssen mal… – diese Appelle sind das Springseil in Wortform.
Ein Angebot an Merz
Der Appell heute Morgen ist ein Angebot: Herr Bundeskanzler, sagen Sie uns nicht, was Sie reparieren. Sagen Sie uns, was wir werden. Holen Sie sich das Wort zurück, das in Erfurt gerade vergeben wurde. Ein Satz reicht für den Anfang, wenn er ernst gemeint ist und wenn ihm jede Reform sichtbar dient. Ein Land, das weiß, was es werden will, erträgt fast jede Zumutung auf dem Weg dorthin. Ein Land, das es nicht weiß, erträgt irgendwann gar keine mehr.
Fortschritt ist der Tausch heutiger Probleme gegen bessere. Ein Leser, Thomas Böhmer , fragte letzte Woche: “Interessant und relevant. Danke dir. Was meinst du mit besseren Problemen?” Meine kurze Antwort lautete spontan: “Fortschritt heißt nicht, Probleme zu lösen oder keine Probleme zu haben, sondern bessere zu haben. ‘Wie verhindern wir Hungersnöte?’ war jahrhundertelang das Problem. Heute lautet es in weiten Teilen der Welt ‘Wie ernähren wir uns gesünder?’ Das zweite Problem ist unendlich viel besser, aber es ist immer noch ein Problem.” Genau das ist der Punkt. Ein Land in Behäbigkeit verteidigt die Probleme, die es kennt. Ein lebendiges Land tauscht sie gegen anspruchsvollere ein und macht sich an die Arbeit. Nicht “alles ist gut”, nicht “alles geht unter”, sondern: Welches Problem ist es wert, als Nächstes verbessert zu werden?
Eine Regierung, die das versteht, verwaltet keine Krisen mehr, sie kuratiert Probleme. Und ein Land, das ein Wohin hat, ist unangreifbar an der Stelle, an der es heute am verwundbarsten ist.
Lass uns Deutschland werden. Man kann Reformen angreifen. Eine Zukunft nicht.
