{"id":2317,"date":"2023-03-08T15:38:31","date_gmt":"2023-03-08T15:38:31","guid":{"rendered":"https:\/\/andersindset.com\/unkategorisiert\/goethes-fuehrungsfaust-2\/"},"modified":"2023-06-22T10:23:10","modified_gmt":"2023-06-22T10:23:10","slug":"eingebildete-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andersindset.com\/de\/das-wirken\/eingebildete-gesellschaft\/","title":{"rendered":"EINGEBILDETE GESELLSCHAFT"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1996.8px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-blend:overlay;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:0px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1 fusion-text-no-margin\" style=\"--awb-text-transform:none;--awb-margin-bottom:50px;\"><h2>Eingebildete Gesellschaft<\/h2>\n<p>In Schuttertal, einer Gemeinde im tiefsten Schwarzwald, gibt es eine kleine Grundschule, die inzwischen zu den besten Schulen Deutschlands z\u00e4hlt. W\u00e4hrend in l\u00e4ndlichen Regionen die Schulen um die Sch\u00fcler k\u00e4mpfen, kommen hier die Kinder aus der gesamten Region in die knapp 3200-Seelen-Gemeinde in Baden-W\u00fcrttemberg. Was macht diese Schule anders?<\/p>\n<blockquote>\n<p>Das Philosophieren ist ein unglaublich guter Baustein f\u00fcr demokratisches Lernen. Wenn wir den anderen besser verstehen, sind wir auch toleranter. (Dt. Schulpreis Grundschule Schuttertal)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In badischem Dialekt erz\u00e4hlt das sympathische junge M\u00e4dchen: \u00bbMi habe drei Schulh\u00e4user und geh\u00f6re alle zusamme und alle drei Schule philosophiere.\u00ab \u2013 Was ist Gl\u00fcck? Wer bin ich? Was sind Freunde? Was brauchen wir f\u00fcr ein gutes Leben? Die Schule ist die erste zertifizierte \u00bbPhilosophierende Grundschule\u00ab in Baden-W\u00fcrttemberg und setzt ein gutes Beisammensein und ein wertsch\u00e4tzendes Miteinander als Fundament der Bildung voraus. Mit dem Projekt \u00bbPhilosophieren mit Kindern\u00ab leitet die Rektorin Susanne Junker die Grundschule der kleinen Gemeinde, zu der drei Standorte, 13 Lehrerinnen und 130 Sch\u00fcler geh\u00f6ren. \u00bbManchmal denke ich, dass wir jetzt eine echte Auseinandersetzung haben, die uns zusammenschwei\u00dft. Dann wei\u00df ich: Ja, das ist es wert\u00ab, beschreibt Junker die Entscheidung der Schule ihrem Philosophiekonzept zu folgen. Treffender als in der Laudatio f\u00fcr den Preistr\u00e4ger des Deutschen Schulpreises 2020 k\u00f6nnte es nicht beschrieben werden:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Es ist ein kleines Abenteuer in ein enges, dunkles Schwarzwald-Tal zu fahren \u2013 und dort eine h\u00f6chst lebendige Schule zu erleben: Denn was an anderen Schulen oft m\u00fchsam errungen werden muss, geschieht hier selbstverst\u00e4ndlich, weil es einfach sein muss: Inklusion, Differenzierung, individuelle Lernwege und -spuren, f\u00f6rdern h\u00f6chst unterschiedliche Interessen und Eigenarten, Kooperation, f\u00f6rderndes und forderndes Arbeiten und Leisten und eine Schulentwicklung mit rotem Faden. (Dt. Schulpreis Grundschule Schuttertal)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Jedes Kind aus dem Dorf wird angenommen, jedes wird ernst genommen. Genaues Nachfragen, Zuh\u00f6ren und Weiterdenken wird in dieser Modellschule wertgesch\u00e4tzt und eindr\u00fccklich kultiviert. Das spiegelt sich auch in der intensiven Mitwirkung der Kinder am Schulleben wider. Souver\u00e4n handeln sie in Versammlungen ihre Interessen aus und \u00fcbernehmen Verantwortung, regeln ihr Miteinander. Mit ihrem langen Atem und ihrem Optimismus hat die Schule eine gro\u00dfe gemeinschaftsbildende Strahlkraft in die Gemeinde hinein und \u00fcber diese hinaus \u2013 sie ist nicht nur Dorfschule, sondern eine Schulwelt.<\/p>\n<p>12 000 Kilometer entfernt vom dunklen Schwarzwald auf dem sonnenreichen Bali finden wir eine andere, genauso faszinierende Bildungseinrichtung: The Green School. Sie wurde nach zwei Jahren harter Arbeit, 2008 von John und Cynthia Hardy er\u00f6ffnet. Die ersten neunzig Sch\u00fcler trafen auf einen mehr oder weniger offenen und freien Lehrplan \u00fcber Nachhaltigkeit. Das Ziel war die Ausbildung von \u00bbGr\u00fcnen Leadern\u00ab f\u00fcr die Zukunft unseres Planeten. Aus der ganzen Welt str\u00f6mten die neuen \u00f6kologischen Hipster-Familien mit ihrem \u00bb\u00dcberall-Office\u00ab zum Herzen der Insel. Hier trifft die Philosophie eines Schmuck-Million\u00e4rs auf die nat\u00fcrliche Reinheit der gr\u00fcnen Insel. The Green School ist jedoch alles andere als ein abgehobenes philanthropisches Wohlf\u00fchlkonzept, hier steht die Zukunft der Bildung auf der vision\u00e4ren Agenda. \u00d6konomie und \u00d6kologie gehen Hand in Hand. Ableger gibt es bereits in Neuseeland, S\u00fcdafrika und Mexiko.<\/p>\n<p>We strive to champion a new model of education that nurtures the whole child, giving them agency in their own lives and learning, so that they can thrive with purpose in our ever-changing world. We invite you to join our global community and discover the difference for your family. (GreenSchool Bali)<\/p>\n<p>Dass den ersten Absolventen die versprochene Fortsetzung im alten System nicht leicht fiel, lag wom\u00f6glich zum Teil an den utopischen Vorstellungen sowie an der Tr\u00e4gheit des Systems, in dem wir gefangen sind. Endliche Bildungsmodelle der \u00bbalten Schule\u00ab treffen auf eine fluide Welt. Als ich 2018 die Schule in Indonesien besuchte, wurde das Curriculum angepasst, um die Adaptionsf\u00e4higkeit und eine gewisse Systemrelevanz in der \u00bbkaputten alten Welt\u00ab zu gew\u00e4hrleisten. Dynamisch wurde hier mit der Starrheit der gegebenen Bildungsstrukturen umgegangen. Aus The Green School ist so eine anerkannte Bildungseinrichtung geworden. Entstanden ist ein Lehrplan f\u00fcr Nachhaltigkeit durch gemeinschaftliches und unternehmerisches Lernen in einer nat\u00fcrlichen Umgebung, in der die Kinder tagt\u00e4glich \u00bbFood-to-Table\u00ab praktizieren. M\u00f6chten sie Fleisch zum Mittagessen, m\u00fcssen sie auch das Schwein selbst t\u00f6ten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Sch\u00fcler \u00fcberwiegend f\u00fcr alternative Ern\u00e4hrungsformen entscheiden. Dieses Konzept trifft auf eine gro\u00dfe Resonanz, sodass alle Standorte inzwischen j\u00e4hrlich neunhundert Sch\u00fcler willkommen hei\u00dfen. Aus der Green School kommen selbstbewusste Changemaker, die Natur leben und denken, die aber auch Kenntnisse in den Naturwissenschaften und in Technologie erwerben. Dies wird nicht erreicht, indem einfach Klassen reaktiv von der Tafel in einen Zoom-Aufruf verschoben werden. In einer sich schnell ver\u00e4ndernden Welt, in der nicht vorherzusagen ist, welche Technologien in Zukunft auf dem Vormarsch sein werden, m\u00fcssen die Kinder lernen, sich selbst zu unterrichten, in Zusammenarbeit mit den Mitsch\u00fclern nach L\u00f6sungen zu suchen und mit Neugierde den Informationsdschungel zu ergr\u00fcnden. Die Sch\u00fcler der Green School werden nicht mit Wissen gef\u00fcttert, sondern sie erlernen F\u00e4higkeiten und entwickeln Einstellungen und Werte. Diese bilden die Grundlage f\u00fcr die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft in einer st\u00e4rker verbundenen globalen Gemeinschaft. Solche Lichtblicke und Initiativen wecken Hoffnung. Hoffnung auf einen anderen Weg im Umgang mit Bildung.<\/p>\n<h2>Die unwissende Wissensgesellschaft<\/h2>\n<p>Auch wenn zunehmend neue Bildungskonzepte entstehen, haben wir es weltweit gr\u00f6\u00dftenteils mit einer Gesellschaft zu tun, die einen traditionellen Ansatz der Bildung verfolgt. In der Absolutheiten manifestiert werden, in der nicht auf das Lernen, das Miteinander oder das Wohl der zuk\u00fcnftigen Generationen, sondern ausschlie\u00dflich auf die Optimierung des Individuums, die Vorbereitung auf Karriere und Wettkampf gegen \u00bbdie anderen\u00ab Wert gelegt wird. So sind wir eingebildet. Unsere Gesellschaft ist eingebildet. Wir meinen, wir seien gebildet. Doch letztlich bilden wir uns das nur ein.<\/p>\n<p>Der Begriff Bildung ist ausgeh\u00f6hlt, nichtssagend. Er ist tragischerweise zu einem pr\u00e4tenti\u00f6sen Begriff geworden. Es wird mit ihm kokettiert und schwadroniert: \u00bbBildungsrepublik\u00ab, \u00bbWir m\u00fcssen mehr in Bildung investieren\u00ab, \u00bbBildungsinitiative\u00ab, \u00bbBildung ist der Schl\u00fcssel zum Erfolg\u00ab \u2026 Doch all diese Aussagen f\u00fchren nicht zu mehr Bildung. Sie haben mit Bildung nichts zu tun. Sie missbrauchen die Vorstellung, die mit dem Begriff Bildung verbunden ist. Die Unwissenheit macht sich deutlich. Wir leben in einer von dem Begriff und dem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Bildung und dem damit verbundenen Ideal entkoppelten Gesellschaft.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen: aber es gibt einen Grad, Historie zu treiben, und eine Scha\u0308tzung derselben, bei der das Leben verku\u0308mmert und entartet. (Friedrich Nietzsche)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Gegenteil von einer Bildungsgesellschaft ist die gegenw\u00e4rtige Wissensgesellschaft. Die Wissensgesellschaft f\u00fchrt nicht zu mehr Bildung. Die zunehmende Bedeutung von Wissenschaft hat zu einem Bedeutungsverlust von Bildung gef\u00fchrt. Zitierf\u00e4higkeit, Gef\u00e4lligkeit, popul\u00e4re und monet\u00e4r erfolgreiche Hypothesen \u00fcberschatten die Wahrheitssuche. Das ist die gro\u00dfe Paradoxie, mit der wir konfrontiert sind und die unser Denken vernebelt.<\/p>\n<p>Doch warum ist es so weit gekommen? Im Laufe der letzten f\u00fcnfzig Jahre wurde eine fatale Informationsgesellschaft geschaffen. Im Dschungel von Informationen und Daten soll nun die vorvalidierte und faktische Wissensgesellschaft durch die Technologie geschaffen werden. In den n\u00e4chsten zehn Jahren gehen die Grenzkosten f\u00fcr Intelligenz und damit f\u00fcr Wissen durch eine technologisch demokratisierte Allwissenheit in Richtung null. Dass diese Entwicklung brutal und schnell ist, ist den meisten sp\u00e4testens mit dem \u00f6ffentlichen Einzug der KI und den ersten Erkenntnissen mit ChatGPT, Bing et al. klar.<\/p>\n<p>Unser (Irr-) Glaube ist es, dass mit dem gesellschaftlichen Aufstieg des (wissenschaftlichen) Wissens die Bildung an Bedeutung gewinnt. Das Wissen in Form von Fakten, Theorien, Denkschulen und Regeln hat genau das Gegenteil bewirkt. Wir haben uns in der fatalen Informationsgesellschaft verloren, die wir durch Technologie und unsere Absolutheiten des Wissens aufrechterhalten. Jene Einrichtungen, die den Auftrag haben, dieses Wissen zu vermitteln, verstehen wir als Bildungsinstitutionen.<\/p>\n<p>Doch diesem Anspruch werden sie nicht gerecht. L\u00e4ngst haben sich die vermeintlichen Tempel der Bildung vom Sinn ihres Daseins gel\u00f6st, um als Irrlichter eines verlorenen Bildungsgedankens zu flackern. Auf den Alt\u00e4ren der heiligen Hallen der Informationsgesellschaft wird das statische Wissen angebetet, w\u00e4hrend dem Lebendigen noch nicht einmal Zutritt gew\u00e4hrt wird. Bildung braucht aber beides: das Statische und das, was es \u00fcberwindet. Die sogenannten Universit\u00e4ten der Informationsgesellschaft m\u00f6gen zwar auf der H\u00f6he der Zeit und eine tragende S\u00e4ule der Informations-\/Wissensgesellschaft sein, aber mit Bildung haben sie wenig am Hut.<\/p>\n<p>Statt der Bildung hat sich die Einbildung fest in unseren Institutionen etabliert. Die Begrifflichkeit wird zum Etikett f\u00fcr Institutionen und Menschen. Sie ist zu einem Slogan reduziert worden, der sich festgesetzt hat. Das Label wird wichtiger als der Inhalt. In den mit Hochglanzpapier aufgeh\u00fcbschten Werbebrosch\u00fcren, in netten Werbeclips oder auf Sweatshirts mit dem Logo der jeweiligen Alma Mater, hat die Einbildung ihren prominenten Platz gefunden. Wir werden zu Litfa\u00dfs\u00e4ulen der \u00bbBildung\u00ab \u2013 die Visualisierung der Bildung als Kompensation f\u00fcr das Nichtvorhandensein von Bildung. Die Einbildung ist der Todessto\u00df der Bildung. Statt nachhaltigem Lernen, Wachsen und Verstehen hei\u00dft es Verbildlichen und Liken. Gef\u00e4llt mir, gef\u00e4llt mir nicht, Sch\u00f6nheit vor Substanz, das Bild z\u00e4hlt. Sogar in der Mathematik und Physik werden \u00e4sthetische Modelle und Hypothesen vorgezogen. Wir brauchen diese Kompensation, da sie uns Stabilit\u00e4t und Halt gibt, aber gleichzeitig macht sie uns starr und schafft eine (tr\u00fcgerische) Ruhe. Wir sterben in Sch\u00f6nheit, leben aber nicht den Fortschritt.<\/p>\n<p>Das starre Wissen, das wir in diesen Institutionen vermittelt bekommen, setzen wir absolut. Es wird f\u00fcr den einen (abschlie\u00dfenden) Test gelernt. (Befristetes)Wissen wird zur Qualifikation und Bildung zum (sozialen) Grad. Das heutige Bildungssystem ist ein endliches Modell, das auf Speichern von Daten ausgerichtet ist. Blo\u00df sind wir Menschen als Speichermedium schlecht. Das System stellt den Lernenden in einen direkten Vergleich mit einem heute deutlich leistungsst\u00e4rkeren Wissensspeichermedium, unserem allwissenden Hosentaschenkameraden mit \u00bbConnection\u00ab. Wir lernen f\u00fcr die Pr\u00fcfung und f\u00fcr den Abschluss, f\u00fcr die Endlichkeit, leben aber in der Unendlichkeit, die ausschlie\u00dflich der Tod beendet. Wir sprechen vom lebenslangen Lernen, verstehen darunter aber die Maximierung der Speichereinheiten \u2013 Pr\u00fcfungen \u2013 und nicht den Weg zu einem h\u00f6heren Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Welt, in der wir leben. Speichern von Informationen f\u00fcr die eine Pr\u00fcfung. Ein kurzfristiges abgespeichertes gro\u00dfes Vokabular ersetzt jedoch nie den Verstand. Die Benotung, der Abschluss, dann der Lebensbeginn.<\/p>\n<p>In einer sich \u00f6kologisch wandelnden Gesellschaft entwickelt sich Wissen zum neuen \u00d6l. Die wachsenden Anspr\u00fcche an h\u00f6here Bildung und Qualifikation beg\u00fcnstigen insbesondere die Hochschulausbildung. Alles zielt darauf ab, Bildungsabschl\u00fcsse zu erreichen, und wir meinen damit, wir seien gebildet. Eine Inflation der Akademisierung hat in unseren Gesellschaften Einzug gehalten. In Deutschland k\u00f6nnen ehemalige Ausbildungsberufe mittlerweile nur auf der Grundlage eines Studiums ausge\u00fcbt werden. Dass immer mehr Menschen den Zugang zu Wissen erhalten, ist \u00fcberaus positiv und erfreulich. Eine Bereicherung f\u00fcr jeden. Und doch: Noch nie war es einfacher, etwas zu wissen, noch nie war es schwieriger, etwas zu verstehen, so die gef\u00fchlte Paradoxie.<\/p>\n<p>Die Freiheit zu wissen f\u00fchrt letztlich in die Unfreiheit des Wissens. Wir setzen unser angeeignetes Wissen absolut und sind somit gefangen in unseren eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten. Normiert durch unsere Denkschule, die uns zu einem akademischen Titel f\u00fchrt, schlie\u00dfen wir unsere (Aus-)Bildung ab und sehen die Welt nur noch mit dieser einen Brille. Wir festigen unser Weltbild. Durch ihre reduktive Ausrichtung macht uns dieses gef\u00fchlte Wissen blind f\u00fcr die Vielfalt der Weltzug\u00e4nge. Wir halten diese Sichtweise f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich und verkennen dabei die anderen Blickwinkel. Eine holistische Perspektive auf die Welt wird damit erschwert, wodurch auch unsere geistige Unabh\u00e4ngigkeit in eine Krise ger\u00e4t. Wir sind abh\u00e4ngig von unserem angeeigneten Wissen. Dieses gibt uns den Rahmen vor, wie wir die Welt sehen und uns in ihr bewegen \u2013 und uns damit auch letztlich selbst sehen. Es herrscht ein Mangel an Weltverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Auf die zunehmende Differenzierung und Komplexit\u00e4t der Gesellschaft antworten wir im Rahmen der \u00bbBildung\u00ab mit eben dieser Differenzierung und Komplexit\u00e4t. Wir k\u00f6nnen auf die Differenzierung der Welt nur noch kleinteilig beziehungsweise fragmentarisch reagieren. Wir versuchen, die Komplexit\u00e4t und Differenzierung der Welt mit immer mehr und hochdifferenzierten endlichen Bildungsabschl\u00fcssen gerecht zu werden, bei denen es lediglich um das Speichern von Informationen geht. Wir eignen uns, wie der \u00f6sterreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann eindr\u00fccklich festh\u00e4lt, nur noch Informationsfragmente an. Gleichzeitig verfolgen Bildungseinrichtungen das Ziel: \u00bbmehr Angebot, mehr Geld\u00ab. Die Immatrikulation wird kapitalisiert. So hat man mittlerweile das Gef\u00fchl, dass es f\u00fcr jeden kleinen Themenbereich einen Studiengang gibt, von Alltagskultur und Gesundheit \u00fcber Technologie der Kosmetika und Waschmittel bis Spaziergangswissenschaft (Promenadologie). Die Differenzierung geht aber mit in sich geschlossenen Systemen einher, von denen wir in unserem Blickwinkel normiert werden. Wie soll eine solche Heterogenit\u00e4t des abgeschlossenen Wissens die Grundlage f\u00fcr Verst\u00e4ndigung bilden?<\/p>\n<p>Wir haben ein Bildungssystem, das mit seinen Abschl\u00fcssen fragmentarische Fachidioten ausbildet. In der Polis bezeichnete man als idiotes Personen, die sich aus \u00f6ffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten. Auch der gegenw\u00e4rtige Fachidiot ist eine Privatperson. Er hat es sich in seinem Haus des fragmentarischen Wissens bequem gemacht und beabsichtigt nicht, die T\u00fcr zu \u00f6ffnen, um in die \u00d6ffentlichkeit zu treten \u2013 ein selbst ernannter Experte, der sich bald zu einer aussterbenden Gattung z\u00e4hlen darf. Er will sich nicht dem Unbekannten des \u00d6ffentlichen stellen, da er Angst vor Orientierungslosigkeit hat. Die Welt ist ihm zu gro\u00df, zu komplex, zu vieldeutig, zu unklar. Das fragmentarische Wissen mit seinen spezifischen Denkmustern gibt ihm Halt und Orientierung. Diese will er nicht verlieren. Wagt er dann doch einmal den Schritt in die \u00d6ffentlichkeit, reagiert er ausschlie\u00dflich konfrontativ \u2013 er ist gefangen in seiner Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die durch das fragmentarische Wissen erm\u00f6glichte Orientierung f\u00fchrt zur Entm\u00fcndigung des verst\u00e4ndigen Menschen. Das normierte Wissen leitet ihn und schr\u00e4nkt ihn in seinem Denken und Handeln ein. Die Wissensgesellschaft hat folglich gegenaufkl\u00e4rerische Z\u00fcge. An dieser Stelle sei an Immanuel Kants Definition der Aufkl\u00e4rung erinnert:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. \u00bbSapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!\u00ab ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung. (Immanuel Kant)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dieses Andere, von dem Kant spricht, ist das zu einer Absolutheit erhobene fragmentarische Wissen. \u00bbFachidioten\u00ab f\u00fchren ihre Follower in die Gefangenschaft der eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten. Diese verleiten zu einem sehr begrenzten Handeln. Die \u00bbFilter-Bubble\u00ab ist nicht nur ein Ph\u00e4nomen des Digitalen, sondern zeigt sich auch im Analogen, in der \u00bbBildung\u00ab.<\/p>\n<p>Die Wissensgesellschaft ist ein Produkt technologischen Optimierungsgesellschaft, in der trotz der Aktivierung und der Aufbruchstimmung der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, die Menschen im Wesentlichen in starre und vorbestimmte Lebensl\u00e4ufe gezwungen werden. Der Lebensplan steht bereits in der Kindheit fest. Man wei\u00df, was einen im Leben erwartet \u2013 der Job wartet. So dient die sich zur Absolutheit gesteigerte Wissensgesellschaft der F\u00f6rderung der Wirtschaft und des \u00f6konomischen Wachstums. Auf einem kontrollierten und messbaren Bildungsweg begeben sich die Menschen in ein Leben der Konformit\u00e4t. Das ist der radikale Gegenpol zur Idee der Aufkl\u00e4rung. W\u00e4hrend Bildung heutzutage gleichgesetzt werden kann mit dem erfolgreichen Bestehen von Tests, ist sie befreit von jeglicher Neugier und Kreativit\u00e4t. Sie t\u00f6tet pers\u00f6nliches Interesse und das Bed\u00fcrfnis ab, verstehen zu wollen. Der erfolgreiche und verwertbare Abschluss ist der Motivator auf dem \u00bbBildungsweg\u00ab. Wenn Bildung der \u00d6konomie und der F\u00f6rderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dient, zahlt Bildung auf das Humankapital ein \u2013 es wird \u00f6konomisch. Die Rolle der Bildung kann aber nicht im Kern darin bestehen, der Wirtschaft zu dienen. Bildung muss vor allem dem Menschen und dem gesellschaftlichen Zusammenleben dienen. Wir m\u00fcssen also zun\u00e4chst die Gesellschaft reparieren, bevor wir den Kapitalismus reparieren. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir bei der Bildung beginnen.<\/p>\n<h2>Lob der Unbildung<\/h2>\n<p>Am Ende geht es eben nicht um das Gedachte oder Gesagte, sondern um das Denken an sich. Das ist Bildung. Das Problem: In der Wissensgesellschaft will niemand Fehler zugeben. <span style=\"font-weight: 400;\">Wir haben die \u2018Kunst, Recht zu haben\u2019 perfektioniert. <\/span>Es geht um die Manifestierung der eigenen Meinung, um die Verabsolutierung von \u00bbWissen\u00ab. Es geht um Ruhm, Rollen, Stimmen und Ego.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die Bedeutung der Wissenschaft zugunsten der Bildung eingrenzen. Das hat, wie der Philosoph Hans Blumenberg sagt, nichts mit Wissenschaftsverachtung zu tun. Wissenschaft ist f\u00fcr unsere Gesellschaft, f\u00fcr unser Leben fundamental wichtig, keine Frage, aber zur Bildung tr\u00e4gt sie nur einen Teil bei. Sie erm\u00f6glicht uns einen Zugang zur Welt. Wir d\u00fcrfen wissenschaftliches Wissen im Rahmen von Bildung deshalb nicht absolut setzen. Denn spezialisiertes Wissen, das sich auf die Aufdeckung von Details konzentriert, kann desorientierende Wirkungen hervorbringen, weil es die allgemeine Richtung aus den Augen verliert. Die Widerspr\u00fcche der Welt lassen sich mit der Wissenschaft nicht aufl\u00f6sen. Wissenschaftlich fundiertes Wissen kann die Selbstbildung des Menschen nicht ersetzen. Doch was hei\u00dft Selbst-Bildung und was brauchen wir daf\u00fcr? Entweder wir scheiterten und wurden gezwungen, unsere Antworten anzupassen, oder wir stellen fest, dass unsere Annahmen falsch waren. Heute aber geht alles zu schnell.<\/p>\n<p>Bei Krisen wird es aber transparent. Der eigene Wille zur Verbesserung, bei gleichzeitigem kritischem Umgang mit dem eigenen Wissen sowie eine gro\u00dfe Neugierde f\u00fcr neue Erkenntnisse, das muss die Basis sein. Es ist nicht falsch ein Experte auf einem Fachgebiet zu sein, solange man selbst mit seinem geballten Wissens keinen Anspruch darauf erhebt ein Experte zu sein. Transparent zu kommunizieren, was man wei\u00df und was man nicht wei\u00df, und sich den Grenzen des eigenen Wissens bewusst zu sein, zeichnet eine Offenheit f\u00fcr das Nichtwissen aus. Sich die Begrenztheit des eigenen Wissens einzugestehen, charakterisiert den Geist eines professionellen Anf\u00e4ngers.<\/p>\n<p>Der Begriff \u00bbShoshin\u00ab (A Beginner\u2019s Mind) aus dem Zen-Buddhismus beschreibt das Prinzip eines Ungebildeten. Die bodenst\u00e4ndige Haltung eines belesenen Menschen, der erkannt hat, wie wenig man absolut wissen kann, oder eines Menschen, der verstanden hat, dass das Nichts als solches sowohl in der Metaphysik als auch in der Epistemologie eine essenzielle Rolle spielt. Ich wei\u00df, dass ich nichts wei\u00df. Es darf nicht mehr vorrangig um Weitergabe der gespeicherten Informationen durch selbst ernannte Experten als moderne \u00bbPapageien\u00ab gehen. Vielmehr muss das Denken an sich in den Mittelpunkt r\u00fccken. Ein passendes Antidot hierzu und auch symbolisch f\u00fcr das infizierte Denken war die Verbindung zwischen Glaubensgemeinschaften und der Wissenschaft w\u00e4hrend der Impfkampagne in den USA. Evangelische Christen \u2013mit \u00fcberwiegender trumpscher Weltanschauung \u2013 stellten sich der Wissenschaft. Treffend kommentierte US-Talkshow-Moderator Jimmy Kimmel die mediale Debatte innerhalb der gl\u00e4ubigen Gemeinde mit: \u00bbIch verstehe, dass sie in den Himmel wollen, aber es ist doch kein Wettkampf.\u00ab Wenn innerhalb einer religi\u00f6sen Gruppe eine derartige Diskrepanz aus dem gemeinsam Gelernten entsteht, erkennen wir die Tragweite der Gefangenschaft in den eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten.<\/p>\n<p>Der Anf\u00e4nger ist dem Ungebildeten nicht un\u00e4hnlich. F\u00fcr Hannah Arendt ist die Natalit\u00e4t, die Geb\u00fcrtlichkeit, als Grundbedingung der menschlichen Existenz zu verstehen und beruht auf ihrer Beobachtung, dass \u00bbdem Neuank\u00f6mmling die F\u00e4higkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d. h. zu handeln\u00ab. Wir kommen als ungebildete Menschen auf die Welt. Wir wurden noch nicht geformt durch die Welt, durch die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen \u2013 wir k\u00f6nnen auch sagen: noch nicht gebildet. Erst in der Auseinandersetzung mit unserer Aneignung der Welt entfalten wir uns und werden zu jemandem. Wir bilden uns. Das versteht Humboldt unter Bildung. Eine \u00d6ffnung hin zur Welt: Weltverst\u00e4ndlichkeit. Das ist das Versprechen von Bildung \u2013 das Versprechen der geistigen Unabh\u00e4ngigkeit. Diese steht in enger Verbindung mit dem Lernen. Jene F\u00e4higkeit, die uns abhandengekommen ist \u2013 oder wom\u00f6glich nie gelehrt wurde \u2013, ist das Lernen an sich. Geboren werden wir als neugierig und interessiert, gelehrt wird uns der Logos. Statt f\u00fcr Aufkl\u00e4rung zu sorgen \u2013 ein echtes Enlightenment \u2013, bewegen wir uns in Richtung eines gefilterten Endarkenment. Als Ungebildeter haben wir noch keine gefilterte Sichtweise auf die Welt und auf uns. Das erm\u00f6glicht eine ganz besondere Freiheit. Gebildet ist man dann, wenn man nicht nur durch die Wirklichkeit geformt wurde, sondern auch wenn man eine Haltung repr\u00e4sentiert, die den Ungebildeten kennzeichnet. Diese Widerspr\u00fcchlichkeit zeichnet den Gebildeten aus.<\/p>\n<p>In einer Wissensgesellschaft, in der das eigene Wissen f\u00fcr Bildung gehalten und absolut gesetzt wird, ist die Unbildung der einzige Weg zur Bildung. Wenn wir Wissen mit Bildung gleichsetzen, kommen wir nicht darum herum, alle in uns den Ungebildeten zu aktivieren. Warum sollten wir das tun? Die Geistes- und Werthaltung des Ungebildeten zeichnet den Gebildeten in der heutigen Wissensgesellschaft aus. Das Bed\u00fcrfnis zu wachsen, der kritische Umgang mit dem Bestehenden und die Neugier und Offenheit f\u00fcr das Andere sind die Attribute, die einen gebildeten Menschen charakterisieren. Doch diese Attribute haben in der Wissensgesellschaft, in der das eigene Wissen absolut gesetzt wird, an Bedeutung verloren.<\/p>\n<p>Das Wissen zu fetischisieren, kennzeichnet Theodor W. Adorno, einer der Hauptvertreter der Kritischen Theorie (auch unter Frankfurter Schule bekannt), den sogenannten halb gebildeten Menschen aus. Der halb gebildete Mensch hat sich zwar dasselbe Wissen angeeignet, \u00fcber das auch ein Gebildeter verf\u00fcgt\u2014der halbgebildete Mensch versteht es aber nicht, Ph\u00e4nomene in ihrer Lebendigkeit zu begreifen. stattdessen geht er mechanistisch an diese heran. Der Halbgebildete ist starr in seinem Denken und Wissen. Er versteht es nicht, das Wissen in gr\u00f6\u00dfere sinnhafte Zusammenh\u00e4nge einzuordnen. Stattdessen ist es ein halb verdautes Wissen um seiner selbst willen. Bildung, die sich selbst setzt und verabsolutiert, ist schon Halbbildung geworden, n\u00e4mlich Geisteskultur als Selbstzweck. Bildung wird so zur Attit\u00fcde, zum blo\u00dfen Aush\u00e4ngeschild gesellschaftlicher Zugeh\u00f6rigkeit in unserer Gef\u00e4lligkeitsgesellschaft der Selbst-Optimierung. Das blo\u00dfe fetischartige Sammeln von Highlights geistiger Erkenntnisse ersetzt das durchdringende Verst\u00e4ndnis aus konkretem, sachlich motiviertem Weltinteresse. Eine derartige Bildung ist starr, sie entbehrt jeglicher Dynamik, Lebendigkeit.<\/p>\n<p>Der halb gebildete Mensch, der sich an seinem eigenen Wissen erg\u00f6tzt, ist ein Narzisst. Er ist folglich voreingenommen in seinem Blick auf die Welt. Er betrachtet die Welt nur vor dem Hintergrund seines eigenen Wissens. Das wiederum unterscheidet ihn vom Ungebildeten. Dieser schaut auf die Welt mit einem unvoreingenommenen Blick und ist frei von jeglichem Narzissmus. Das blo\u00dfe Nichtwissen gestattet ein solches unmittelbares Verh\u00e4ltnis zur Welt. Der Nichtwissende l\u00e4sst sich auf die Welt ein und wird nicht durch seine Denkstrukturen eingeschr\u00e4nkt. Das Verh\u00e4ltnis zur Welt erscheint dem Ungebildeten freier. Er erkennt die Widerspr\u00fcche und die Gleichzeitigkeiten, die unsere Wirklichkeit gestalten.<\/p>\n<p>Unsere gegenw\u00e4rtige Zeit ist jedoch zu sehr auf geistige Anpassung ausgerichtet, die Ressentiments sch\u00fcrt. Der narzisstische Wissende steht dem Anderen mit Abneigung gegen\u00fcber. Dieses Andere stellt ihn blo\u00df in seinem Nichtwissen, vor dem er sich mit seinem Kapuzensweatshirt mit Uni-Logo sch\u00fctzt. Daher entwickelt der Halbgebildete ein Ressentiment gegen jegliches Unwissen, gegen das Unbekannte. Diese von Ressentiment gepr\u00e4gte Haltung verhindert die Offenheit dem Anderen gegen\u00fcber. Diese Offenheit hat auch etwas mit Mut zu tun, denn sie steht in einem engen Zusammenhang mit der eigenen Verletzbarkeit. Indem ich offen f\u00fcr das Andere bin, f\u00fcr das noch nicht Gewusste, bin ich auch offen f\u00fcr die eigene Ver\u00e4nderung \u2013 f\u00fcr die Transformation des Bestehenden. Der vermeintlich Gebildete weist diesen Mut nicht auf, weil er sich aus seiner Perspektive damit nicht nur mit seinem Nichtwissen blo\u00dfstellt, sondern vor allem, weil er sich nicht verletzbar machen m\u00f6chte. Er m\u00f6chte seine eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, in denen er es sich bequem gemacht hat, nicht aufgeben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Adorno bezeichnet Bildung ein Spannungsgef\u00fcge beziehungsweise eine Dialektik zwischen den zwei Momenten Geist und Anpassung; zwischen der geistigen Unabh\u00e4ngigkeit von gesellschaftlichen oder nat\u00fcrlichen Zw\u00e4ngen und der wechselseitigen Einbindung der Menschen in die Gestaltung ihrer Lebensverh\u00e4ltnisse. Es besteht aber die Gefahr, dass sich eines dieser beiden Momente vom anderen abl\u00f6st, dass Bildung suggeriert wird und zur Halbbildung verkommt. Wir brauchen Wissen, wir brauchen aber auch das Nichtwissen, die Offenheit in jeglicher Hinsicht \u2013 die geistige Offenheit. Dieses dialektische Spannungsgef\u00fcge wird mittlerweile zutiefst von der Seite der Anpassung \u00fcberschattet. Es gibt ein grundlegendes Ungleichgewicht.<\/p>\n<p>Bildung ist folglich von einem Streben nach Balance gekennzeichnet. Genauer ausgedr\u00fcckt: Bildung zielt auf ein dynamisches \u00c4quilibrium. Dies l\u00e4sst uns werden, erm\u00f6glicht Ver\u00e4nderung, den Prozess. Bildung ist folglich ein permanentes Werden. Daf\u00fcr braucht es die Starrheit und die Dynamik. Wir brauchen das starre Wissen genauso wie den kritischen Umgang mit dem Wissen und die Offenheit f\u00fcr das Neue, das Andere \u2013 die Unabh\u00e4ngigkeit. Letzteres zeichnet den Ungebildeten aus. Wir m\u00fcssen danach streben, uns zu bilden. Aber gleichzeitig d\u00fcrfen wir die Haltung, die mit der Unbildung einhergeht, nicht verlieren. Nur die Haltung der Unbildung f\u00fchrt letztlich zur Bildung. Unbildung und Bildung stehen somit in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis zueinander.<\/p>\n<p>Bildung ist ein offener Prozess, sie ist von einer Weltzugewandtheit durchzogen. Durch die Welt werden wir. In der Auseinandersetzung mit der Welt erfolgt die Entfaltung. Wir bilden uns, erreichen aber nie ein Ende. Wir werden die Welt und uns selbst nie vollumfassend verstehen. Wir sollten es aber versuchen.<\/p>\n<p>Damit wird deutlich, dass allein der Begriff Bildungsabschluss, den man mit den mittlerweile inflation\u00e4r vergebenen Bachelor- und Masterabschl\u00fcssen verteilt, ein Widerspruch in sich ist. Wie kann man mit etwas abschlie\u00dfen, das gar nicht abgeschlossen werden kann? Das geht nur in einer Welt, in der wir nicht begriffen haben, was Bildung bedeutet. Humboldts und Arendts Weltverst\u00e4ndnis implizieren Bildung als Prozess. Bei beiden kann Bildung nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt als erreicht betrachtet werden. Bildung ist ein offenes Modell oder wie Hans Blumenberg sagt: \u00bbBildung ist kein Arsenal, Bildung ist ein Horizont\u00ab. Und der Horizont ist die Welt. Da Bildung vor diesem Hintergrund nicht als etwas Endliches verstanden werden darf, wird sie zum Selbstzweck: Bildung muss folglich als etwas Unendliches verstanden werden. Leitbegriffe sind Emanzipation und Autonomie. Insbesondere der Bildungsbegriff der Aufkl\u00e4rung war, als \u00bbMotor der Emanzipation (gedacht), Voraussetzung fu\u0308r den Ausgang des Menschen aus einer wie auch immer verschuldeten Unmu\u0308ndigkeit\u00ab. Noam Chomsky verwendet hierf\u00fcr eine treffende Anekdote eines langj\u00e4hrigen MIT-Kollegen, der auf die Frage der Studienanf\u00e4nger, was sie im ersten Semester alles abdecken m\u00fcssten antwortete: \u00bbIt is not important what we cover, but what you discover.\u00ab (Es kommt nicht darauf an, was Sie abdecken, sondern was Sie entdecken.)<\/p>\n<h2>Weltbildung<\/h2>\n<p>Unsere Bildungsinstitutionen sind nach hierarchischen Modellen der industriellen Revolution gebaut. Milit\u00e4r, Verwaltung, B\u00fcrokratie und Rollen\/Hierarchie dienten hierf\u00fcr als Blaupause. Die Geb\u00e4ude haben ihre Vorbilder in Kasernen, Gef\u00e4ngnissen und Fabriken als Strukturierungsprinzip f\u00fcr das Handeln der Menschen. Das Bildungssystem ist auf Mittelma\u00df sowie Standardisierung und Nummerierung ausgerichtet. So werden allerdings nicht die Offenheit, die Neugier und das Interesse jedes Einzelnen gef\u00f6rdert, die grundlegend f\u00fcr Bildung sind. Es macht keinen Sinn, dass alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler heute in der Schule mit gleicher Geschwindigkeit und auf dieselbe Art und Weise Mathematik und Sport, Musik und Kunst lernen \u2026 Doch so scheinen wir heute Bildung zu verstehen. Als Vater einer Tochter, die mittlerweile auf dem Gymnasium ist, stelle ich mir h\u00e4ufig nicht nur die Frage, warum so gelernt wird, sondern auch warum \u00fcberhaupt bestimmte Stoffe, die in der Schule gelehrt werden, gelernt werden m\u00fcssen. Es muss doch um viel mehr gehen als um das Aneignen von Wissen? Wir brauchen zwar Wissen, aber das reicht nicht aus, wenn wir es unseren Kindern erm\u00f6glichen wollen, sich zu bilden.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen Bildung radikal neu denken. Radikal deshalb, weil Bildung in der Wissensgesellschaft auf Wissen reduziert wird. Wir brauchen dringend die Haltung des Ungebildeten. Mehr Unbildung f\u00fcr die Bildung. Unsere Bildungsinstitutionen m\u00fcssen den Mehrwert der Unbildung f\u00fcr sich erkennen. Einen auf den ersten Blick gr\u00f6\u00dferen Widerspruch kann es nicht geben. Letztlich ist es nur ein vermeintlicher Widerspruch, den wir leben m\u00fcssen, um den Weg zu einem dynamischen \u00c4quilibrium einzuschlagen. Es muss Aufgabe der sogenannten Bildungsinstitutionen sein, diesen Weg der Balance aus Bildung und Unbildung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Letztlich geht es um das Lernen an sich \u2013 wir m\u00fcssen lernen zu lernen, aber auch lehren zu lehren. Bildung ist frei und offen auf die Zukunft hin ausgerichtet. Der Einzelne muss dazu bef\u00e4higt werden, selbstst\u00e4ndig zu lernen. Das ist die Grundlage, sich der Zukunft zu \u00f6ffnen. Bildungsinstitutionen m\u00fcssen den einzelnen Menschen bef\u00e4higen, diesen Weg des Lernens zu gehen. Und das hei\u00dft, es muss gelernt werden, zu verstehen, zu denken, zu reflektieren. Der Weg des Lernens ist der jeweilige Lebensweg. Das ist lebenslanges Lernen.<\/p>\n<p>Das lebenslange Lernen nach antiker Tradition hinterfragt immer das eigene Wissen und ist offen f\u00fcr Ver\u00e4nderungen. Es stellt sich somit selbst zur Disposition. Das Verstehenwollen und das Reflektieren sowie Revidieren von Bestehendem sollten wir als unseren Antrieb begreifen. Das sollten Bildungsinstitutionen als ihren Zweck verstehen und vermitteln, denn sie m\u00fcssen sich als humanistisch begreifen. Ihr Auftrag hat das Leben des einzelnen Menschen als Grundlage. Doch durch ein \u00bbRef\u00f6rmchen\u00ab k\u00f6nnen wir unsere Bildungsinstitutionen nicht dazu bringen. Wir m\u00fcssen bei 0 beginnen. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty pl\u00e4diert f\u00fcr einen bildenden, anstelle von einem erkenntnistheoretischen Ansatz. Diese Einteilung stellt das Problem dar, mit dem wir uns, wenn es um Bildung geht, konfrontiert sehen. Die erkenntnistheoretische Philosophie ist auf Begriffskl\u00e4rung aus, w\u00e4hrend die bildende Philosophie in der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Perspektiven und Denkhorizonten angesiedelt ist. Sie erm\u00f6glicht die F\u00e4higkeit zur Duldung von Vielfalt. Sie ist von einem offenen Blick f\u00fcr das Andere charakterisiert. Sie blickt auf einen weiten Horizont. Dieser ist die Welt, in der wir leben. Dabei ist das Interesse an Erkenntnis immer schon gegeben. Es grenzt also den Anspruch der erkenntnistheoretischen Philosophie nicht aus. Stattdessen integriert sie diesen Anspruch. Denn in der bildenden Philosophie geht es um das Verstehen. Aber das Verstehen ist viel weiter gefasst als im Rahmen der erkenntnistheoretischen Philosophie. Es sieht die Vielfalt der Welt. Richard Rorty schreibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Das Unternehmen, (uns und andere) zu bilden, kann in der hermeneutischen T\u00e4tigkeit bestehen, Verbindungen zwischen unserer eigenen Kultur und irgendeiner exotischen Kultur oder Geschichtsepoche herzustellen oder zwischen unserem eigenen Fach und einer anderen Disziplin, die mit einem inkommensurablen Vokabular inkommensurable Ziele zu verfolgen scheint. (Richard Rorty)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Bildung soll uns damit, so Rorty, \u00bbaus unserem alten Selbst herausf\u00fchren, dazu beitragen, dass wir andere Wesen werden\u00ab. Bildung wird hier folglich als ein Prozess, als ein Weg verstanden. Ein Weg, der nicht abgeschlossen werden kann. Das unterscheidet auch den bildenden Philosophen von den systematischen Philosophen:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Gro\u00dfe systematische Philosophen bauen wie gro\u00dfe Wissenschaftler f\u00fcr die Ewigkeit. Gro\u00dfe bildende Philosophen zertr\u00fcmmern um ihrer eigenen Generation willen. Systematische Philosophen m\u00f6chten ihr Fach auf dem sicheren Pfad einer Wissenschaft f\u00fchren. Bildende Philosophen wollen dem Staunen seinen Platz erhalten wissen, das die Dichter manchmal hervorrufen k\u00f6nnen\u2014dem Staunen, dass es etwas Neues unter der Sonne gibt, etwas, das nicht im genauen Darstellen des schon Vorhandenen aufgeht, etwas, das (zumindest im Augenblick) nicht zu erkl\u00e4ren und kaum zu beschreiben ist. (Richard Rorty)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wir brauchen deshalb \u2013 wie Rorty postuliert \u2013 die bildende Philosophie, deren Horizont die Welt ist mit all ihren Widerspr\u00fcchen, Gleichzeitigkeiten und dem Unbekannten als Grundlage unserer Bildungsinstitutionen. Bildung erfolgt vor dem Hintergrund unserer Welt. Bildung ist daher immer gekoppelt mit der Welt. Wir brauchen einen Neustart. Einen Ansatz, der die Diversit\u00e4t der Welt in den Fokus nimmt. Oder f\u00fcr den Anfang zumindest ein Besuch in Schuttertal oder auf Bali \u2026 Nur mit der Befreiung von unseren eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten und der Akzeptanz und Auseinandersetzung mit gegebenen Systemen k\u00f6nnen wir zur Weltverst\u00e4ndlichkeit gelangen. Bildung ist immer die Befreiung aus der Selbstverst\u00e4ndlichkeit. <em>Bildung ist folglich Weltbildung.<\/em><\/p>\n<\/div><div class=\"fusion-image-element \" style=\"text-align:center;--awb-margin-bottom:50px;--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"930\" height=\"862\" title=\"Weltbildung\" src=\"https:\/\/andersindset.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltbildung.jpeg\" data-orig-src=\"https:\/\/andersindset.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltbildung.jpeg\" alt class=\"lazyload img-responsive wp-image-2311\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27930%27%20height%3D%27862%27%20viewBox%3D%270%200%20930%20862%27%3E%3Crect%20width%3D%27930%27%20height%3D%27862%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-srcset=\"https:\/\/andersindset.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltbildung-200x185.jpeg 200w, https:\/\/andersindset.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltbildung-400x371.jpeg 400w, https:\/\/andersindset.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltbildung-600x556.jpeg 600w, https:\/\/andersindset.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltbildung-800x742.jpeg 800w, https:\/\/andersindset.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltbildung.jpeg 930w\" data-sizes=\"auto\" data-orig-sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 930px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur mit der Befreiung von unseren eigenen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten und der Akzeptanz und Auseinandersetzung mit gegebenen Systemen k\u00f6nnen wir zur Weltverst\u00e4ndlichkeit gelangen. 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