Die Metaphysik des Werdens
Im Jahr 2018 schrieb ich über einen »technologischen Tsunami«, der uns in den 2020er-Jahren treffen würde. Damals waren die ersten Töne noch: »Wir digitalisieren«, »Wir befinden uns inmitten der digitalen Transformation«. Gemeint war damit jedoch nicht nur die Geschwindigkeit des Fortschritts noch die Vielzahl neuer Technologien wie Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Biotechnologie oder dezentrale Infrastrukturen, die gleichzeitig entstehen.
Was in Der Quantenwirtschaft und auch in Das infizierte Denken beschrieben wurde, zeigt sich heute mit Wucht dort, wo wir uns lange sicher wähnten: bei unseren Erklärungen.
Seine Wirkung war lange kaum als Ereignis zu erkennen. Sie zeigte sich nicht als plötzliche Explosion und auch nicht als klarer Bruch. Sie machte sich als Verschiebung bemerkbar. Als Gefühl, dass unsere bisherigen Begriffe nicht mehr tragen. Dass Erklärungen, die lange Halt und Orientierung gegeben haben, ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Unweigerlich führt diese Verschiebung zu einer Frage: Was heißt es, ein Mensch zu sein?
Wenn unsere Werkzeuge uns zu formen beginnen
Noch nie zuvor haben unsere Werkzeuge so tief, so direkt und so eigenständig begonnen, am Menschen selbst mitzuwirken. Künstliche Intelligenz steht uns nicht länger als bloßes Instrument gegenüber, sondern verändert die Bedingungen, unter denen wir Welt und uns selbst verstehen. In dem Moment, in dem sich diese Bedingungen verschieben, wird eine Einsicht unausweichlich: dass wir nicht wissen, was der Mensch ist.
Über lange Zeit ließ sich diese Ungewissheit überdecken. Technik hat Wahrnehmung, Denken und Handeln immer mitgeformt, ohne unser Selbstverständnis grundsätzlich zu destabilisieren. Solange sie sich in bestehende Deutungsrahmen einfügte, ließ sich die Frage nach dem Menschen vertagen. Doch diese Distanz beginnt sich nun aufzulösen. Was dabei sichtbar wird, ist keine neue Gewissheit, sondern eine Leerstelle.
Künstliche Intelligenz liefert keine Antwort auf die Frage nach dem Menschen. Sie verschärft sie. Sie macht spürbar, wie wenig stabil Begriffe wie Intelligenz, Bewusstsein oder Kreativität tatsächlich sind. Und sie legt offen, dass wir uns lange mit Beschreibungen begnügt haben, wo eigentlich Verstehen gefordert gewesen wäre.
Nehmen wir den Begriff Kreativität. Wenn ein KI-Modell in Sekunden Bilder generiert, die von Kunstexperten als originell wahrgenommen werden, oder Texte verfasst, die sich juristisch kaum noch von menschlicher Autorschaft unterscheiden lassen, gerät eine Gewissheit ins Wanken.
Nicht, weil damit entschieden wäre, dass Maschinen kreativ sind. Sondern weil sichtbar wird, wie lange wir Kreativität über ihren Output beschrieben haben – und nicht über ihr Wesen.
Wo Gewissheit endet
Je weiter technische Systeme sich entwickeln, desto deutlicher wird, wie wenig feststeht. Nicht weil Technologie den Menschen erklärt, sondern weil das technische Hervorbringen dessen, was wir lange dem Menschen zugeschrieben haben, sichtbar macht, wie unsicher unsere bisherigen Vorstellungen vom Menschen waren. In dieser Situation lässt sich die Frage nach dem Menschen nicht durch Begriffe klären, sondern nur im Versuch ernst nehmen.
Aus genau dieser Haltung heraus ist tomorrowmensch_ entstanden. Als langfristiges Experimentierfeld. Als ein Raum, in dem über Jahre hinweg erkundet wird, was Menschsein bedeuten könnte – nicht um es zu definieren, sondern um es im Vollzug ernst zu nehmen –, wenn wir beginnen, die Bedingungen von Leben, Intelligenz und Infrastruktur bewusst mitzugestalten.
»Meine Ambition ist es, einen Menschen zu bauen – getragen von der romantischen Vorstellung, dabei zu scheitern.«
Aus dieser Reibung entsteht ein Paradox: Es ist keineswegs gegeben, dass Technologie scheitern muss. Nichts spricht im Prinzip dagegen, dass technische Systeme alles reproduzieren, was der Mensch zu tun scheint. Ein System muss nicht leben, um das Verhalten des Lebendigen zu simulieren. Es muss kein Bewusstsein erfahren, um dessen Ausdruck nahezu perfekt zu approximieren.
Das Licht kann an sein, die Fenster zur Welt können leuchten – und doch könnte niemand zu Hause sein. Und dennoch würde das System funktionieren. Es würde handeln. Es würde leisten. Es würde als »lebendig« gelten.
Gerade deshalb ist dieser Anspruch bewusst paradox formuliert. Nicht, um einen Maßstab zu setzen, sondern um sichtbar zu machen, wo dieser Versuch an seine Grenze kommt.
Denn ein solches Scheitern wäre die größte Entdeckung von allen: der Hinweis – in jenem Moment der Wahrnehmung –, dass der Mensch eine Qualität besitzt, die sich nicht konstruieren, sondern nur erleben lässt. Dass Menschsein sich nicht als Ergebnis zeigt, sondern im Vollzug, im Werden.
Vielleicht liegt genau dort der eigentliche Erkenntnisraum. Nicht in der Bestätigung dessen, was wir bereits zu wissen glauben, sondern im präzisen Umgang mit dem, was sich bislang nicht festlegen lässt. Nicht darin, den Menschen zu definieren, sondern darin, der Möglichkeit nachzugehen, dass sich Menschsein nicht vollständig bestimmen lässt – ohne zu wissen, ob es sich dabei um eine grundsätzliche Unbestimmtheit handelt oder um eine Grenze unseres gegenwärtigen Verständnisses.
