Davos als Denkraum für das, was wir werden

‘Anders gedacht’ ist heute inspiriert von einem persönlichen Vision Board. Nicht von den großen Worten. Nicht vom Versprechen. Sondern von Bildern, und den damit verbundenen Möglichkeiten. Und damit von einer einfachen, fast naiven Frage: Was davon ist Hoffnung – und was davon tatsächlich möglich? Nicht als Vision. Sondern als Prüfstein.

Ich schreibe ein neues Kapitel in meinem Leben. Nicht darüber, was wir tun – sondern darüber, wer wir werden, wenn Technologie nicht mehr nur unser Handeln verändert, sondern unser Selbstverständnis.

Der Mensch von morgen in den Schweizer Bergen

Heute Morgen bin ich auf dem Weg nach Davos zum jährlichen World Economic Forum. In diesem Jahr steht es unter dem Leitmotiv “A Spirit of Dialogue“ – ein Versuch, inmitten fragmentierter Märkte, geopolitischer Machtverschiebungen, gesellschaftlicher Umbrüche und exponentieller Technologien einen gemeinsamen Denkraum zu öffnen.

Davos ist dabei oft widersprüchlich. Zwischen medialem Spektakel, politischen Inszenierungen und ökonomischen Interessen wirkt es bisweilen absurd. Und doch: Was hier über Ökonomie, Technologie und Politik verhandelt wird, beeinflusst, wie Menschen handeln, entscheiden und Prioritäten setzen. Damit geht es immer auch um die Bedingungen menschlichen Lebens. Wenn Technologie zunehmend zur Grundlage dessen wird, was wir wahrnehmen, entscheiden und hervorbringen, rückt eine Frage ins Zentrum, die sich nicht delegieren lässt: Was heißt es überhaupt, Mensch zu sein?

tomorrowmensch – heute

Aus diesem inneren Drang nach Erkenntnis ist tomorrowmensch entstanden – als ein auf zwanzig Jahre angelegtes Experimentierfeld. Ein unternehmerischer, philosophischer und wissenschaftlicher Denkraum, in dem über Jahre hinweg erkundet wird, was Menschsein bedeuten könnte, wenn technologische Entwicklungen den Menschen nicht mehr nur unterstützen, sondern potenziell nachbilden.

Meine persönliche Ambition ist dabei paradox – und bewusst so gewählt: einen Menschen zu bauen, getragen von der romantischen Vorstellung, dabei zu scheitern.

Dieses Paradox markiert den Kern von tomorrowmensch. Es geht um Erkenntnis. Um die Grenze zwischen dem, was technisch reproduzierbar ist, und dem, was sich unserem Zugriff entzieht. Wenn technische Systeme zunehmend alles simulieren können, was wir lange dem Menschen zugeschrieben haben, wird sichtbar, was wir über das Menschsein wirklich wissen – und was nicht. Genau deshalb gehört dieses Erkenntnisproblem an Orte, an denen Zukunft verhandelt wird. Davos ist einer davon. Hier treffen politische Gestaltungsmacht, wirtschaftliche Entscheidungskraft und technologische Visionen aufeinander. Was hier diskutiert wird – von künstlicher Intelligenz über Quantentechnologien bis hin zur Biotechnologie – prägt Erwartungen, Investitionen und Narrative weit über Davos hinaus.

WHERE OUR FUTURE IS WRITTEN_

Und hier kehren wir zurück zur Vorstellungskraft unserer Zukunft. Visionen, Vorhaben, Ziele – selbst Vision Boards – entspringen einem zutiefst menschlichen Drang: dem Wunsch nach Wahrnehmung. Wahrnehmung der Welt, aber auch Wahrnehmung der eigenen Wahrnehmung. Fortschritt ist nie linear. Er ist geprägt von Gefühlen, Rückschritten, Irrwegen und Erfahrungen, die ein menschliches Leben ausmachen. Zukunft zu schreiben ließe sich daher auch als eine Form bewussten Lebens beschreiben – als Bewegung an der Grenze dessen, was möglich ist. Doch wo verläuft diese Grenze?

Vor über zehn Jahren habe ich David Deutsch’ “Der Anfang der Unendlichkeit“ gelesen. Deutsch argumentiert, dass wir Menschen grundsätzlich in der Lage sind, immer bessere Erklärungen für die Welt zu finden. Fortschritt ist möglich. Prinzipiell. Doch auch hier stellt sich die entscheidende Frage: Wo endet diese Unendlichkeit?

tomorrowmensch setzt genau dort an, wo technologische Entwicklungen die Grundlagen von Autonomie, Verantwortung und menschlichem Selbstverständnis berühren. In ausgewählten Gesprächen und Begegnungen möchte ich die nächsten zwanzig Jahre meines Lebens diesen Fragen widmen – im Dialog mit Menschen, die die Rahmenbedingungen unserer Zukunft aktiv mitgestalten.

Davos verhandelt Zukunft.

Ich könnte mir keinen besseren Ort für den Beginn dieses neuen Kapitels vorstellen als diesen Moment, unter dem diesjährigen “Spirit of Dialogue“.

Vielleicht geht es in Davos weniger um Antworten als um Verantwortung.

tomorrowmensch richtet den Fokus nicht auf die Zukunft der Technologie, sondern auf die Zukunft des Menschseins.

WEITERE ARTIKEL

  • » Wenn die Welt selbst zum Prompt wird «

  • » Was macht Norwegen anders? «

  • » Aus der Leere «