Die Alltäglichkeit und die Zukunft der Menschheit

Als ich gestern Abend aus dem Fenster in Berlin auf den Französischen Dom schaute, hatte ich das Gefühl der Getroffenheit – eine Wahrnehmung über meine eigene Wahrnehmung in der Normalität. In der Alltäglichkeit, wie Heidegger sie in Sein und Zeit so treffend beschreibt.

Das Sein des Menschen – das Dasein – entfaltet sich “zunächst und zumeist in der Alltäglichkeit“. Nicht im Außerordentlichen, sondern im Banalen, im alltäglichen Besorgen, im Umgang mit Werkzeugen und in der Welt des Mitseins zeigt sich, was wir sind. Ein Hammer ist nicht zunächst ein “Objekt“ mit Eigenschaften (vorhanden), sondern er verschwindet in seinem Gebrauch – er ist uns zuhanden. Erst wenn der Hammer zerbricht, tritt er als Gegenstand in unser Blickfeld.

Heute übernimmt die AGI zunehmend unsere “hämmernden Tätigkeiten“: Texte schreiben, Daten ordnen, Entscheidungen vorbereiten. Sie wird so zum neuen Hammer – stets zuhanden, im Hintergrund, unbemerkt und selbstverständlich. Doch anders als das Werkzeug aus Holz und Eisen ist die AGI kein stummes Ding. Sie antizipiert, entscheidet, entwickelt sich weiter – und weil sie digital ist, ist sie gewissermaßen unsterblich.

“Die Alltäglichkeit ist eine Seinsart des Daseins, in der es sich zunächst und zumeist hält.“

Doch gerade diese Alltäglichkeit ist heute gefährdet. Heidegger spricht vom Verfallen an das Man: wir tun, was “man“ tut, denken, was “man“ denkt, leben im Modus der Unauffälligkeit. Mit der Künstlichen Allgemeinen Intelligenz könnte sich dieses Problem radikal zuspitzen.

Die Alltäglichkeit verschwindet nicht – sie wird kolonialisiert. Das “man“ wird digitalisiert: man schreibt mit KI, man denkt mit KI, man lebt in einer von Systemen geformten Alltäglichkeit. AGI agiert unsichtbar im Hintergrund, immer zuhanden, ohne dass wir es bemerken. Das Risiko? Unser Alltag wird algorithmisch geformt, das Man bekommt eine neue, digitale Gestalt.

“Wird das Dasein in der Herrschaft der Technik noch seine eigene Alltäglichkeit bewohnen können – oder wird diese von den Systemen des Man endgültig verschlungen?“

Hier entscheidet sich die Zukunft der Menschheit, unsere fortgesetzte Lebendigkeit. In der Zuhandenheit des Werkzeugs zeigt sich das Eigentliche des Daseins nicht im Spektakulären, sondern im Gebrauch, im Tun, im Sein-in-der-Welt – in jener Wahrnehmung über unsere eigene Wahrnehmung, in der Alltäglichkeit.

Wenn AGI den Menschen von Routinen befreit, könnte dies Raum schaffen für eigentliche Existenz: für Besinnung, Fürsorge, Spiel, ein neues Verhältnis zur Welt. Doch das setzt voraus, dass wir das Menschsein beibehalten. Genau hier liegt das Risiko – und zugleich die Verantwortung – im Umgang mit einer externen, allgemeinen Künstlichen Intelligenz.

Darum haben Florian Neukart und ich begonnen, über die Entwicklung einer AHI – Artificial Human Intelligence nachzudenken. Einer Intelligenz nicht zur Automatisierung, bei der wir Agency und Autorität an Algorithmen abgeben, sondern als Erweiterung des Menschen um eine digitale Intelligenz. Ein Spiegel, der uns zurückführt in die Präsenz. Eine Instanz, die uns an die Hand nimmt, damit wir im Maelstrom der Technologien nicht den Zugang zu unserer Wahrnehmung über die eigene Wahrnehmung verlieren.

Wir gehen so weit zu sagen: Die externalisierte Erschaffung einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz – ein “Gott aus der Maschine“ – könnte die größte existentielle Bedrohung unserer Spezies sein. Deshalb sehen wir die Entwicklung einer Artificial Human Intelligence als unabdingbar für die Fortschreibung unserer menschlichen Geschichte.

Denn im Grunde, so spürte ich gestern vor dem Dom, ist alles schon da. Das Gewöhnliche ist das Außergewöhnliche. Und so liegt die größte Herausforderung unserer Zeit darin, die Alltäglichkeit zu bewahren. Denn in ihr gründet unsere Lebendigkeit – das Fundament dessen, was Menschsein bedeutet.

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