Die algorithmische Konstruktion der Wirklichkeit

Wer entscheidet heute, was wirklich ist?

Wirklichkeit ist nichts Gegebenes. Sie entsteht. In Gesprächen, Bildern, Geschichten, Regeln. In dem, worauf wir uns einigen. Oft stillschweigend. Was wir “real“ nennen, war schon immer das Ergebnis gemeinsamer menschlicher Arbeit. Peter L. Berger und Thomas Luckmann haben dieses Paradox in ihrem Klassiker Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit prägnant beschrieben:

Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt.

Wir formen die Welt – und sie formt uns zurück. Doch genau diese Dialektik verschiebt sich gerade grundlegend. Denn die Macht, Wirklichkeit hervorzubringen, liegt nicht mehr allein in menschlicher Aushandlung.

Wenn Maschinen zu Weltmachern werden

Wir erleben einen stillen Paradigmenwechsel. Wirklichkeit entsteht nicht mehr primär durch Sprache, Diskurs oder Interpretation, sondern durch Berechnung. Wo früher Worte Wirklichkeit stifteten, übernehmen heute Rechenoperationen diese Rolle – unsichtbar eingebettet in Plattformen, Netze und Geräte.

Medientheoretiker Boris Groys sprach bereits 2011 von Google als “philosophischer Maschine“ – einem System, das Wirklichkeit durch Sichtbarkeit ordnet. Was gefunden wird, existiert. Was nicht auffindbar ist, verschwindet.

Diese Diagnose ist mehr als ein Jahrzehnt alt. Inzwischen sind wir von Suchmaschinen zu lernenden Systemen übergegangen – von Rankings zu Large Language Models, von statistischer Relevanz zu generativer Wirklichkeit. Und am Horizont zeichnet sich bereits die nächste Schwelle ab: AGI.

Sichtbarkeit wird zur ontologischen Kategorie. Wirklichkeit entsteht durch Ranking. Was oben steht, gilt. Was gefiltert wird, verliert Realität. So wird Wirklichkeit nicht mehr ausgehandelt, sondern sortiert. Diskurse über Wahrheit werden ersetzt durch Code. Relevanz wird berechnet, nicht diskutiert.

Künstliche Intelligenz: Der operative Realismus

Jetzt erreichen wir eine neue Stufe. Künstliche Intelligenz zeigt nicht nur, was existiert, sie erzeugt es. Aus Datenspuren und Wahrscheinlichkeiten entstehen Texte, Bilder, Stimmen, ganze Szenarien. Das Simulierte wird real, weil es operativ funktioniert.

Wirklich ist, was kohärent genug erscheint, um nicht mehr hinterfragt zu werden. Die zentrale Frage lautet nicht länger: Ist das wahr? Sondern: Funktioniert es?

Damit verschiebt sich unser epistemisches Fundament. Wahrheit wird nicht mehr geprüft, sondern akzeptiert – solange sie reibungslos anschlussfähig ist.

Wenn Natur formbar wird

Die nächste Welle dieser Entwicklung geht tiefer. Mit Quantencomputing, synthetischer Biologie und Neurotechnologie betrifft die Konstruktion nicht mehr nur Information, sondern Materie selbst.

Biologische Prozesse werden modelliert, optimiert, umgeschrieben. DNA wird editierbar, das Gehirn zur Schnittstelle, der Körper zum steuerbaren System. Natur erscheint nicht länger als gewachsene Realität, sondern als formbare Trägerschicht für technische Logiken. Nicht nur Bedeutung wird konstruiert – Stofflichkeit selbst.

Der Mensch in der Rückkopplung

Der Mensch steht nicht außerhalb dieses Prozesses. Berger und Luckmann beschrieben Internalisierung als das Verinnerlichen gesellschaftlicher Strukturen: Normen, Rollen, Wirklichkeitsordnungen.

Heute gewinnt dieser Prozess eine neue Qualität. Technologie externalisiert menschliche Eigenschaften, übersetzt sie in Modelle, und greift dann operativ in die biologische Substanz zurück. Was einst Beschreibung war, wird Intervention. Wir formen die Technik. Und sie formt uns – bis die Grenze zwischen Subjekt und Objekt zu verschwimmen beginnt.

Der Mensch wird anschlussfähig gemacht. Optimierbar. Berechenbar.

Wirklichkeit unter Berechnung

Ontologische, epistemische und anthropologische Fragen werden heute nicht mehr offen verhandelt. Sie werden still beantwortet durch Systeme, die funktionieren. Vor diesem Hintergrund lässt sich Berger und Luckmanns Formel neu lesen:

Gesellschaft ist ein technologisches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein technologisches Produkt.

Wir stehen damit nicht nur vor der Herausforderung, diese Entwicklung zu verstehen. Sondern vor der Aufgabe, uns selbst in ihr wiederzufinden – als Teil einer Welt, die wir nicht mehr nur erleben, sondern mit jedem Klick, jeder Berechnung, jeder Simulation fortwährend hervorbringen und in uns zurückholen.

Wenn wirklich wirklich wirklich ist ist wirklich wirklich wirklich?

Wenn Berechnung die Aushandlung ersetzt, stellt sich eine unbequeme Frage: Was geschieht mit dem, was sich nicht berechnen lässt?

Dieser Frage werde ich nächste Woche nachgehen im ersten Anders Gedacht als Brief aus der Zukunft. #LetterFromTomorrow #tomorrowmensch

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