KI ist nicht schuld
Über Boten und Täter, verschleppte Vergangenheit und die Prüfung eines Landes, das werden will.
Der Überbringer der Nachricht ist selten ihr Verfasser.
Lufthansa streicht viertausend Stellen in der Verwaltung. DHL achttausend. Bei Volkswagen geht es zunächst um fünfzigtausend. Die Deutsche Bahn ordnet ihren gesamten Konzern neu. Deutschland befindet sich am Anfang der größten Abbauwelle seiner Nachkriegsgeschichte, und für jede Meldung findet sich ein Schuldiger. Bei Lufthansa heißt es Preisdruck und Effizienz. Bei Volkswagen China und die Zölle. Bei der Post der Rückgang der Briefmenge. Der Name wechselt, das Muster bleibt: Die Ursache wird immer außerhalb des eigenen Unternehmens gesucht. Bei allen vermeintlichen Gründen aber ist der bequemste, neueste und am besten klingende Name für die Verantwortungsverschiebung ein anderer: KI.
Nach den Meldungen folgen, wie immer, zwei Reaktionen. Die eine will bremsen: die Maschinen verlangsamen, die Technologie regulieren, das Bestehende verteidigen. Die andere zuckt mit den Schultern: kreative Zerstörung, da kann man nichts machen. Die eine hat Angst, die andere ein Alibi. Beide eint, dass sie der Erzählung glauben: Die KI nimmt uns die Arbeit weg.
KI ist der perfekte Schuldige. Sie wehrt sich nicht, und ihre Komplexität macht sie zur idealen Projektionsfläche. Wer “KI-bedingter Stellenabbau” sagt, muss nicht erklären, warum sein Kernsystem aus dem Jahr 1997 stammt. Muss nicht erklären, warum vier Konzerngesellschaften vier identische Buchhaltungen führen. Muss nicht erklären, warum über Jahre Prozesse, Hierarchien und Doppelstrukturen entstanden sind, die niemand mehr hinterfragt. Die KI dient als Sündenbock für Probleme, die lange vor ihr entstanden sind.
Ich schreibe diesen dritten Teil von “Lass uns Deutschland werden” aus dem Zug. Der Bildschirm am Bahnhof, die App, die E-Mail und die Anzeige im Zug zeigen vier verschiedene Uhrzeiten für dieselbe Verspätung; in einem System bin ich bereits am Zielbahnhof angekommen, während ich noch unterwegs bin. Tags zuvor die Lufthansa-Hotline: Ein “Multi-City-Ticket”, das als getrennte Buchung 890 Euro kosten sollte, wird mir am Telefon für 6.606 Euro genannt. Ich lache, es muss ein technischer Fehler sein. Aber die Kollegin am anderen Ende erkennt ihn nicht. “Es liegt in der Preiskategorie Ypsilon.” Dabei kosten dieselben Economy-Tickets, getrennt gebucht, keine 900 Euro. Das System ist so lange kaputt, dass die Menschen darin aufgehört haben, das Kaputte zu erkennen.
Ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze, die jetzt wegfallen, existierte nur, weil wir die Vergangenheit nie aufgeräumt haben. Deutsche Post, Deutsche Bahn, Deutsche Lufthansa: Die großen Institutionen dieses Landes tragen das Wort “deutsch” nicht zufällig im Namen. Sie tragen auch die deutsche Krankheit in ihren Systemen. Gewachsene Strukturen, historische Kompromisse, Schicht über Schicht von Prozessen, die niemand mehr versteht und die deshalb niemand anfassen darf. Ein Führungsproblem. So läuft das Ganze weiter, im Reaktionsmodus, als Zombie am Leben gehalten. Denken optional. Bessere Probleme vorschlagen: lieber nicht.
Menschen haben diese destruktive Komplexität jahrzehntelang kompensiert. Sie waren die Schnittstelle zwischen inkompatiblen Systemen, die Übersetzer zwischen den Silos, der manuelle Workaround für Software, die nie modernisiert wurde. Das war echte, anstrengende, oft frustrierende Arbeit. Nur hätte es sie in einem gut gebauten System nie geben müssen. Deutschland investiert weniger als ein Prozent seiner Wirtschaftsleistung in Software; Schweden das Vierfache, rechnet die Deutsche Bank vor. Wir hatten nie zu viel Technologie im Einsatz, wir hatten zu wenig. Und weil wir zu wenig hatten, haben wir Menschen als Puffer verbraucht.
Natürlich automatisiert die KI auch Arbeit, auch in gut aufgestellten Unternehmen; das ist wahr. Aber die deutsche Welle ist anders. Sie ist, zusätzlich zum gefühlten KI-Schock, vor allem eine bitterböse Rechnung: für dreißig Jahre verschleppter Modernisierung, die nun beglichen werden muss. Die KI ist lediglich der Bote, der sie überbringt. Und die naheliegende Schlussfolgerung wäre: Dann ist der Abbau eben verdient, ein reinigendes Gewitter, endlich Effizienz. Das ist der technokratische Reflex, und er ist genauso falsch wie der ängstliche. Wer den Boten anklagt, entlastet die Falschen: die Verantwortlichen von gestern, die das Aufräumen verschoben haben, und die von heute, die sich hinter der Technologie verstecken, statt zu führen. Nicht die KI hat versagt. Die Führung hat es.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, was wegfällt oder wie wir uns „schützen” können. Sie lautet: Was tun wir mit dem, was frei wird?
Hier trennt sich ein Land, das Zukunft verwaltet, von einem, das zukünftet. Das verwaltende Land sieht im Abbau ein Problem, das sozialverträglich abgefedert werden muss: Vorruhestand, Abfindung, Fluktuation. Alles richtig, alles notwendig, alles rückwärtsgewandt. Das werdende Land fragt anders: Wo entsteht Wert, wenn Hunderttausende nicht mehr damit beschäftigt sind, kaputte Systeme am Laufen zu halten? Welche Unternehmen gründen wir mit dieser Erfahrung? Und wie sorgen wir dafür, dass nicht wenige den Wertzuwachs einstreichen, sondern die Bürgerinnen und Bürger selbst am Wachstum beteiligt sind?
Das ist kein Wachstum um des Wachstums willen, und kein naiver Silicon-Valley-Glaube, dass sich mit Akzelerationismus schon alles von selbst richtet. Wachstum ohne Moral führt ins Verderben. Es geht um Possibilismus: um bessere Probleme, und um einen Kapitalismus, der menschlicher wird, statt bloß größer. Wie ein solcher werdender Kapitalismus konkret aussieht, ein europäischer Kapitalmarkt, an dem die Vielen teilhaben, Technologie, die aus der Philosophie heraus gebaut wird, davon handelt der nächste Teil. Hier genügt der erste Schritt: aufräumen, damit überhaupt Platz zum Bauen entsteht.
Denn genau das ist Fortschritt für Deutschland und Europa: nicht die Abwesenheit von Problemen, sondern der Tausch der heutigen gegen bessere. Ein Land, das sich vor allem sicher fühlen will, verteidigt die Arbeit, die es hat. Ein Land, das lebendig ist, baut die Arbeit, die es braucht.
Vor zwei Wochen habe ich geschrieben: Was uns fehlt, ist die Lust auf bessere Probleme. Letzte Woche: Man kann Reformen angreifen, eine Zukunft nicht. Jetzt liegt das erste bessere Problem auf dem Tisch, und es ist groß. Hunderttausende Biografien werden sich verändern, und ob daraus Abstieg oder Aufbruch wird, entscheidet sich nicht in den Rechenzentren. Es entscheidet sich in Vorstandsetagen, die Umschulung ernster nehmen als Abfindung. In einer Politik, die Gründung leichter macht als Verwaltung. In jedem Einzelnen, der die frei werdende Kraft nicht betrauert, sondern investiert. Und in der Frage, mit der der nächste Teil beginnt: ob wir einen Kapitalmarkt bauen, an dem die Vielen teilhaben, oder nur weiter verwalten.
Die KI ist nicht schuld. Sie ist nicht die Ursache des Niedergangs, sondern die Chance für einen Neuanfang: wenn wir die Versäumnisse der Vergangenheit endlich aufräumen und begreifen, welche Veränderungen in der Technologie in den nächsten Jahren möglich werden. Es gibt kein goldenes Davor, zu dem wir zurückkehren, und keine Vollbeschäftigung von gestern, die man verteidigen könnte. Es gibt nur das, was wir daraus machen.
Lass uns Deutschland werden. Das hier ist die Prüfung.
