Lass uns Deutschland werden
Über Leistung, Werte und die Notwendigkeit, zu sagen, was ist, und was sein könnte.
“Anhand eines Fußballspiels kann man ein ganzes Land lesen.”
Am Sonntag gewinnt der Norweger Casper Stornes den Ironman in Frankfurt, sein Landsmann Gustav Iden wird Zweiter. Ein Doppelsieg, errungen in einem Rennen, das die Hitze so weit zusammenstreichen musste, dass aus der legendären Langdistanz eine Mitteldistanz wurde. Es war das heißeste Wochenende seit Beginn der deutschen Wetteraufzeichnungen, ein neuer nationaler Allzeitrekord, vielerorts über vierzig Grad. Am Montag schlägt ein weiterer Norweger, Viktor Hovland, im Stechen die Nummer eins der Golfwelt, Scottie Scheffler, und gewinnt die Travelers Championship, angefeuert von norwegischen Fans, die eigentlich zur Fußball-WM über den großen Teich gereist sind. Und am selben Abend schreibt die deutsche Nationalmannschaft eine ganz andere Geschichte. Der vierfache Weltmeister scheidet gegen Paraguay im Elfmeterschießen aus, bereits im Sechzehntelfinale. Das dritte Turnier in Folge, das viel zu früh endet.
In Norwegen heißt es dieser Tage “Ro! Ro!”, bei gut fünf Millionen Einwohnern; in Deutschland fragen sich vierundachtzig Millionen: wohin und wozu?
Nach dem Ausscheiden folgten, wie immer, zwei Reaktionen.
Die eine sagt, was ist. Die BILD sprach von “einer absoluten Nicht-Leistung. Langsam. Langweilig.” Ein ZDF-Reporter stellte nüchtern fest, das Team sei zu Recht draußen. Die andere Reaktion kam aus dem Kanzleramt. Friedrich Merz schrieb auf X, man sei stolz auf die Mannschaft, lobte Einsatz und Teamgeist und fügte später einen Satz hinzu, der gut gemeint ist und genau deshalb interessant: ”Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.”
Er hat recht: Spott ist nicht die richtige Reaktion. Man tritt nicht auf jemanden ein, der schon am Boden liegt. Aber der Post tröstet, und schließt damit die Tür. Aus Rückhalt wird ein Beruhigungsmittel. Solidarität, die so schnell kommt, dass die eigentliche Frage gar nicht mehr gestellt wird: Warum stehen wir hier zum dritten Mal?
“Sagen, was ist.” Dafür stand einmal ein großes deutsches Magazin. Inzwischen haben wir es still ergänzt: sagen, was ist, es sei denn, es tut weh. Dann sagen wir lieber, was sich gut anfühlt. Das ist die eigentliche Behäbigkeit. Nicht Faulheit, nicht fehlender Wille. Sondern der Reflex, zu beruhigen, statt Leistung zu zeigen. Probleme zu verwalten, statt sich bessere zu suchen.
Und jetzt kommt die Stelle, an der die meisten falsch abbiegen. Heute biegen wir anders ab.
Denn die naheliegende Forderung wäre: mehr Druck. Härtere Leistungskultur. Zurück zu irgendeinem disziplinierten Deutschland, das es so nie gegeben hat. Mut, Resilienz, Ärmel hochkrempeln, jetzt müssen wir … Das ist der reaktionäre Reflex, und er ist auch sachlich falsch. Norwegens Sportler gewinnen nicht durch Verbissenheit. Das Trainingskollektiv um Stornes, Iden und Blummenfelt ist berüchtigt für das Gegenteil: für seine Neugier, sein gemeinsames Tüfteln, seine fast spielerische Lust am Bessersein. Hovland sagte nach seinem Sieg sinngemäß einen Satz, der alles enthält: Ich weiß, wie gut ich noch werden kann, und ich höre nicht auf, mich weiterzuentwickeln. Warholm in der Leichtathletik. Mol und Sørum im Beachvolleyball. Casper Ruud im Tennis. Zuletzt sogar im Eishockey, wo eine kleine Nation den Rekordweltmeister Kanada schlägt und zum ersten Mal überhaupt eine WM-Medaille holt. Und jetzt, in den USA, beim größten Turnier der Welt. Für Haaland, Ødegaard und Nusa heißt es jetzt: Norwegen gegen Brasilien. In New York, im selben Stadion, in dem zwei Wochen später das Finale steigt. Auf der größten Bühne.
Das ist kein Druck. Das ist Lebendigkeit.
Hier liegt der Denkfehler, den wir korrigieren müssen. Deutschland hat sich an einer Leistungskultur verausgabt, die nur Extraktion kannte: mehr Output, mehr Optimierung, mehr Erschöpfung. Und als diese Version zu Recht in Verruf geriet, haben wir die Exzellenz gleich mit entsorgt. Was weich geworden ist, ist nicht die Arbeitsmoral. Es ist der Möglichkeitssinn. Die Lust auf bessere Probleme.
Denn genau das ist Fortschritt: nicht die Abwesenheit von Problemen, sondern der Tausch der heutigen gegen bessere. Ein Land, das sich vor allem gut fühlen will, verteidigt die Probleme, die es hat. Ein Land, das lebendig ist, sucht sich neue.
Das ist es, was ich Possibilismus nenne, und er ist ausdrücklich keine naive Schönfärberei. Er ist ebenso wenig der dystopische Reflex, dass ohnehin alles den Bach runtergeht. Zwischen “die Technik richtet’s schon” und “wir sind verloren” gibt es eine dritte Haltung, und ich wähle sie: den Positivismus des Handelns. Die Fähigkeit, sich eine bessere Zukunft so konkret vorzustellen, dass man anfängt, sie zu bauen. Ich nenne das “zukünften”. Zukunft ist ein Verb.
In Norwegen geht ein ganzes Land auf die Straße. Vor dem Schloss, auf dem Karl Johan, so weit man sehen kann: ein Land, vereint, das glaubt, wir können mehr. Eine kollektive Verschmelzung, ein Glaube an die Zukunft, wenn wir alle anpacken. “Ro! Ro!”, heißt es in diesen Tagen. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir dürfen. Weil Norwegen versteht, dass ein Dugnad, ein kollektiver Einsatz, nicht immer zu Gold und Ruhm führt, aber zum Fortschritt. Und das fühlt sich gut an.
Wer das Gestern verteidigt oder ihm nachsehnt, hat schon aufgegeben. Eine Gesellschaft ohne wünschenswerte Zukunft verliert ihre Richtung. Genau dort stehen wir gerade: nicht ohne Können, sondern ohne Bild davon, was wir werden wollen. Ich schreibe “wir”, weil ich seit fünfundzwanzig Jahren gerne in Deutschland lebe. Ich bin heute Morgen zu 100% Norweger und arbeite trotzdem an einer possibilistischen Zukunft, für dich, für mich, für meine Kinder, für Deutschland und Europa. Für Zukunft und Fortschritt. Ob geopolitische Spannungen, globale Konflikte, technologische Risiken und Möglichkeiten oder die Hitze: Der Weg kommt nicht aus der Verteidigung des Gestern, sondern aus dem Glauben an den Fortschritt, gemeinsam.
Deshalb der Titel. Nicht “wieder“; es gibt kein goldenes Davor, zu dem man zurückkehrt. Sondern: werden. Lass uns Deutschland werden.
