Wie werden wir Deutschland?

Sieben Thesen über Energie, Eigentum und den Menschen, wenn die Arbeit nichts mehr kostet.

Kaliméra. Diesen vierten und vorerst letzten Teil von “Lass uns Deutschland werden” schreibe ich heute Morgen aus Griechenland, vom Meer. Den dritten habe ich aus dem Zug geschrieben, zwischen vier verschiedenen Uhrzeiten für dieselbe Verspätung. Der Kontrast ist kein Zufall, er ist das Thema.

Denn die Griechen hatten ein Wort, das wir verloren haben: σχολή, scholē. Es bedeutet Muße, und aus ihm wurde unser Wort “Schule”. Für Aristoteles war die Muße nicht die Pause von der Arbeit. Sie war ihre höchste Form: der Zustand, in dem der Mensch denkt, fragt, wird. Wir arbeiten, um Muße zu haben, sagt Aristoteles, nicht umgekehrt. Zweieinhalbtausend Jahre später ist seine Frage nach dem Leben jenseits der Notwendigkeit keine philosophische Übung mehr, sondern eine politische Aufgabe.

In den ersten drei Teilen ging es darum, zu sagen, was ist: dass uns nicht die Arbeitsmoral fehlt, sondern die Lust auf bessere Probleme. Dass man Reformen angreifen kann, eine Zukunft nicht. Dass die KI nicht schuld ist, sondern der Bote einer Rechnung für dreißig Jahre verschleppter Modernisierung. Dieser Teil sagt, was sein könnte. Es folgen sieben Thesen. Für viele sind sie steil. Ich wiederhole sie seit Jahren, und ich bin überzeugt: Innerhalb eines Jahrzehnts werden wir erkennen, dass sie keine Provokationen waren, sondern Konsequenzen.

Zur Größenordnung: Ich bin überzeugt, dass sich die Weltwirtschaft innerhalb eines Jahrzehnts vervielfacht. Eine Verzehnfachung halte ich dabei für die konservative Annahme. Was Kritiker an dieser Stelle zu Recht entgegnen, ist die einzige Frage, die am Ende zählt: Wem gehört dieses Wachstum? Auch darüber habe ich viel nachgedacht. Heute folgen sieben kompakte Thesen, die hoffentlich heiß diskutiert werden.

Die Infrastruktur

1. Energie darf nichts kosten. Strom wird Infrastruktur wie Straßen und Trinkwasser: einmal gebaut, für alle da. Finanziert als Investition, CAPEX statt OPEX, nicht über den Kilowattstundenpreis. Deutschland kann und muss die erste Industrienation werden, in der Energie nichts kostet. Wer Energie verknappt, verknappt alles, was aus ihr entsteht.

2. Compute darf nichts kosten. Rechenkapazität ist die zweite Infrastruktur des Jahrhunderts. Intelligenz pro Einheit abzurechnen ist, als hätte man im neunzehnten Jahrhundert das Lesen bepreist. Wer Compute verknappt, verknappt Zukunft.

3. Arbeit darf nichts kosten. Eine Prognose, keine Forderung: Der Preis menschlicher Arbeit als Produktionsfaktor fällt gegen null, nicht weil menschliche Arbeitskraft weniger wert wäre, sondern weil Maschinen die Produktion übernehmen. Wer das leugnet, verwaltet. Wer es ausspricht, kann gestalten. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem, das bessere.

Das Eigentum

4. Wenn Arbeit nichts mehr kostet, muss Eigentum allen gehören. Sonst wird aus Fortschritt Enteignung. Wenn Wertschöpfung nicht mehr durch Arbeit entsteht, sondern durch Systeme, dann entscheidet der Besitz der Systeme über alles. Die Antwort ist nicht Umverteilung, sondern Beteiligung am Kapital: ein europäischer Kapitalmarkt, an dem die Vielen teilhaben, ein Aktienkapital für jedes neugeborene Kind. Nicht Transfer, sondern Teilhabe. Wer am Werden beteiligt ist, verteidigt kein Gestern.

5. Wachstum ist kein Ziel, sondern ein Nebenprodukt. Ein verzehnfachtes Bruttoinlandsprodukt ohne Antwort auf die Frage, wozu, wäre kein Fortschritt. Wir hätten es dann mit einer untoten Gesellschaft zu tun: einem System, das funktioniert, ohne zu leben. Wachstum ohne Moral führt ins Verderben. Deshalb geht es nicht um Beschleunigung um jeden Preis, sondern um Possibilismus: Wachstum aus dem Überschuss, der die Gesellschaft umformt.

Der Mensch

6. Die nächste Krise ist nicht ökonomisch, sondern anthropologisch. Der Mensch, dessen Arbeit nichts mehr kostet, muss neu beantworten, warum er lebt. Die Griechen hätten gelacht über unsere Ratlosigkeit: Sie nannten den Zustand jenseits der Notwendigkeit nicht Arbeitslosigkeit, sondern scholē, und hielten ihn für den Anfang des Menschseins, nicht für sein Ende. Wir haben verlernt, was sie wussten. Das ist die eigentliche Prüfung, und keine Abfindung dieser Welt nimmt sie uns ab.

7. Deutschland kann die menschlichste KI-Nation werden. Nicht die schnellste. Das Rennen um die schnellste Maschine ist entschieden, und wir haben es nicht gewonnen. Allerdings hat das Rennen um die Frage, wie Menschen mit diesen Maschinen leben, gerade erst begonnen. Technologie muss aus der Philosophie heraus gebaut werden: aus einem Bild davon, wer wir sein wollen. Kein Land wäre dafür besser gerüstet als das Land der Dichter und Denker. Verstehen ist die letzte Infrastruktur.

Wie also?

Sieben Thesen, eine Bewegung: erst die Infrastruktur befreien, dann das Eigentum öffnen, dann den Menschen neu denken. Man kann jede einzelne angreifen, und man sollte es tun, denn Thesen, die niemand angreift, sind keine. Aber man kann ihnen eines nicht vorwerfen: dass sie das Gestern verteidigen.

Bislang schrieb ich: Lass uns Deutschland werden. Die Antwort auf die Frage im Titel ist am Ende einfacher, als sie aussieht. Nicht durch Bremsen, nicht durch Trost, nicht durch die Verwaltung des Bestehenden, sondern indem wir Energie, Intelligenz und schließlich uns selbst aus der Verknappung entlassen, und das, was dann entsteht, allen gehört.

So werden wir Deutschland.

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