2046: Wer fühlt noch rechtzeitig?

Über Maschinen, die schneller antworten als wir, und den Augenblick, den wir dabei verpassen.

Endstation diese Woche, Zürich. Ich bin in diesem Hotel schon mehrfach abgestiegen, und mein “Space-Zimmer” bietet mir den futuristischen Impuls für kreative Momente. Dass die Zimmernummer aus der Reihe der dreistelligen 500er-Zimmer tanzt, wusste ich. Aber dieses Mal sticht mir die Zahl sofort ins Auge: 2046. Ich nehme das wahr, fühle, ein Gedanke entsteht. Die Nummer stand jedes Mal an dieser Tür. Diesmal ist sie angekommen.

2046, das ist der Titel des Films von Wong Kar-wai. Darin schreibt ein Autor eine Geschichte über einen Zug nach 2046, ein Sinnbild für das Unveränderliche. An Bord arbeiten Androiden, die fühlen, aber ihre Gefühle kommen verspätet an. Wenn sie lachen wollen, lächeln sie erst viel später, und wenn sie weinen wollen, kommen die Tränen erst am nächsten Tag. Ein Mann verliebt sich in eine von ihnen und wartet auf ihre Antwort. Er hofft, dass ihr Gefühl nur verspätet ist.

tomorrowmensch, mein auf zwanzig Jahre angelegtes Experiment, führt genau dorthin. 2026 plus zwanzig ergibt 2046. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich: 2046 wird nicht mehr dieselbe Frage im Raum stehen wie heute.

Die Maschine ist pünktlich

Wir fragen, ob Maschinen fühlen lernen. Ob sie ein inneres Erleben haben. Ob es sich für sie nach etwas anfühlt, eine Antwort zu geben. Unterdessen hat die Maschine leise ein anderes Problem gelöst, nämlich das Timing. Zwischen zwei Gesprächsbeiträgen lassen Menschen im Schnitt etwa 200 Millisekunden verstreichen, und zwar über Sprachen und Kulturen hinweg. Das hat 2009 eine vergleichende Studie mit zehn Sprachen gezeigt. GPT-4o antwortete bereits 2024 auf gesprochene Sprache im Schnitt nach rund 320 Millisekunden. Die Maschine spricht also in unserem Takt. Außerdem lernt sie, den richtigen Ton zu treffen: tröstend, wenn wir traurig klingen, begeistert, wenn wir begeistert sind.

Ob sie dabei etwas fühlt, weiß niemand. Und vielleicht ist das nicht einmal die entscheidende Frage. Wenn sie in unserem Takt antwortet, und zwar so, dass es für uns keinen Unterschied macht, welche Rolle spielt dann noch die Eigenwahrnehmung?

Das Gefühl kommt immer zu spät

Was 2046 bei den Androiden zeigt, ist auch beim Menschen zu beobachten. Das Gefühl kommt auch bei uns zu spät. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio unterscheidet zwischen Emotion und Gefühl. Die Emotion ist die Reaktion des Körpers. Sie setzt automatisch ein. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung verändern sich, verschiedene Areale im Gehirn verarbeiten und steuern diesen Vorgang. Anschließend werden diese Veränderungen, unter anderem in der Inselrinde, als innerer Zustand abgebildet und erfahrbar. Dass es sich nach etwas anfühlt, kommt also erst danach. In diesem Sinn ist das Gefühl die verspätete Wahrnehmung der Reaktion. Die Neuronen feuern, wir projizieren es auf das, was wir Realität nennen, und nehmen es dann wahr: Es fühlt sich nach etwas an. Die Androiden im Film haben damit etwas zutiefst Menschliches.

Die Griechen hatten zwei Wörter für Zeit. Chronos ist die gemessene Zeit: die Uhr, die Latenz, die Millisekunde. Kairos ist der richtige Augenblick, den man ergreift oder verpasst. Er steckt in unserem Wort “rechtzeitig”: zur rechten Zeit, nicht zur schnellsten. Für das Gefühl ist das der Moment, in dem es angekommen ist. Wer rechtzeitig fühlen will, muss auf diesen Augenblick warten können. Im Chronos ist die Maschine dem Menschen voraus. Offen ist, ob uns der Kairos bleibt.

Die Lücke: Der Auslöser darf eine Maschine sein

Mit dem entsprechenden Verständnis von Chemie und Biologie liegt es nahe, dass wir Emotionen technologisch erzeugen können. Wenn eine Maschine bei dir einen Gänsehaut-Moment auslöst, wird dieselbe Kette angestoßen: Der Körper reagiert, die Inselrinde bildet es ab, es fühlt sich nach etwas an. Das Gefühl lässt sich nicht weggänsen’. Die Emotion wurde getriggert, das Gefühl wird wahrgenommen. Es ist deins.

Dann kann die Maschine nicht das Problem sein? Als Auslöser ist sie es nicht. Musik, Film und Literatur haben immer schon Gefühle in uns erzeugt, und niemand hält diese Gefühle für weniger echt. Der Auslöser darf eine Maschine sein. Die Antwort nicht. Denn das Gefühl ist erst dann deins, wenn es angekommen ist, und ob es ankommt, entscheidet sich in der Zeit zwischen Reaktion und Antwort. Genau diese Zeit steht heute zur Disposition.

Zwischen dem, was in uns passiert, und dem, wie wir reagieren, liegt eine Lücke, vielleicht sogar eine Leere. In ihr fühlen wir. Dort entscheiden wir, ob wir anrufen oder nur eine Nachricht schicken, ob wir etwas sagen oder schweigen. In dieser Lücke liegt unser Kairos. Rechtzeitig fühlen heißt, sie offen zu halten, bis das Gefühl angekommen ist, und erst dann zu antworten.

Genau in diese Lücke schiebt sich heute die Maschine. Unter jeder Mail steht schon die vorgeschlagene Antwort, und die Beileidskarte wurde bereits formuliert, bevor wir überhaupt wahrnehmen können, was wir fühlen. Die Erwartungshaltung gegenüber der Technologie steigt, unsere Erwartungshaltung voneinander als Menschen schwindet. Das Gefühl kommt noch an. Doch wenn es ankommt, ist die Antwort längst verschickt.

Der Zug fährt schon: Die Frage für 2046

2046 ist keine Fiktion mehr, es gibt ihn als Produkt. Am deutlichsten zeigt sich das dort, wo ein Gefühl besonders viel Zeit braucht, um anzukommen: in der Trauer. Griefbots antworten mit der Stimme und den Sätzen von Verstorbenen. Forschende in Cambridge beschrieb, wie solche Deadbots die Auseinandersetzung mit dem Verlust erschweren können. Der Verlust kommt nicht mehr an, der Tote antwortet ja noch. Und damit bleibt auch die Trauer in der Schwebe. An einem Abendessen diese Woche wurde ich mit genau diesem Szenario konfrontiert. Mein Tischnachbar beschrieb den Tod seines Vaters. Die Körperlichkeit sei nicht so wichtig, sagte er, jener chemische Abschaum, wie Stephen Hawking die Menschheit einmal nannte. Aber reden würde er gerne noch mit ihm. Das ist der Zug nach 2046, ein Ort, an dem sich nichts verändert.

Mein Anspruch mit tomorrowmensch ist es, einen Menschen zu bauen, oder in genau jene Technologien zu investieren, die uns diesem Ziel einen Schritt näher bringen. Meine romantische Vorstellung ist, dass ich dabei scheitere. Denn auf ein solches Scheitern folgt die Erkenntnis, dass der Mensch (noch) mehr oder anders ist als eine Maschine. tomorrowmensch kommt aber mit einer Bedingung, die im Reden über Qubits und biologische Substrate schnell untergeht: Wir dürfen die Eigenwahrnehmung nicht verlieren, und wir dürfen sie nicht überschreiben lassen.

Das Experiment kann scheitern, und wir verlieren trotzdem. Dafür muss die Maschine nicht fühlen. Es reicht, wenn wir verlernt haben, rechtzeitig zu fühlen. Wenn wir die Lücke nicht mehr ertragen, in der das Gefühl ankommt, und sie lieber mit einer fertigen Antwort füllen. Können wir dann noch ein erfülltes Leben führen?

Im Film kehrt nur ein einziger Fahrgast aus 2046 zurück, weil er aufhört, dort nach einer Antwort zu suchen. Das Zimmer in Zürich ist still. Kein Zug, keine Androiden, nur das Handy auf meinem Nachttisch, das mir schon drei Antworten vorschlägt. Ich schreibe heute selbst.

Wir haben noch zwanzig Jahre.

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