Der Ort, an dem die Philosophie ins Wasser sah

Über eine Geste, die vor zweitausendvierhundert Jahren gemacht wurde, und darüber, was sie bis heute kostet

Heute Morgen schreibe ich von einer Landzunge in der Türkei, genauer gesagt bei Ilknur und Thomas auf der Terrasse in Kayalar. Unter mir das Ägäische Meer, gegenüber Lesbos. Nur wenige Minuten entfernt liegen die Akropolis und die Reste eines Tempels, der hier seit zweieinhalbtausend Jahren steht.

Ich schreibe von Assos. Und ich schreibe über eine einzige Geste, die an diesem Ort gemacht wurde. 347 vor unserer Zeitrechnung stirbt Platon. Sein bester Schüler wird nicht sein Nachfolger. Aristoteles verlässt Athen, geht über das Meer nach Kleinasien und gründet hier, an dieser Küste, seine erste eigene Schule. Und der Erzählung nach passiert hier etwas, das die Geistesgeschichte spaltet. Denn er hört auf, über die Welt nachzudenken, und fängt an, sie anzusehen.

Das ist die ganze Geste.
Alles andere, was ich auf diesem Felsen gefunden habe, erzählt, was sie kostet.

Die Geste

In der Akademie ging es um Ideen. Um das Vollkommene hinter dem Unvollkommenen. Um die Schatten an der Höhlenwand, die mir schon in Ex Machina als Bild gedient haben, als ich über die Simulationshypothese geschrieben habe. Ich war neugierig auf Assos, weil hier etwas anderes beginnt.

Aristoteles seziert Tintenfische. Er notiert die Kiemen von Fischen. Er beschreibt, wie ein Embryo im Hühnerei Tag für Tag entsteht. Er sagt seinen Schülern, sie sollten auch das niedrigste Getier studieren, denn in allem Lebendigen sei etwas Göttliches.

Die Frage verschiebt sich. Von Platons Frage nach der Idee zu Aristoteles’ Frage nach dem Lebewesen.

Das ist der Moment, in dem Naturwissenschaft und Philosophie zum ersten Mal denselben Gegenstand haben. Es ist, wenn man so will, die Geburtsstunde von dem, was ich heute als Sci-Phi bezeichne. Und sie findet nicht in einer Bibliothek statt, sondern mit nassen Händen an einem Strand.

Wir haben diesen Moment vergessen. Wir haben die Disziplinen getrennt, sauber sortiert, in Fakultäten gesperrt. Heute stehen wir vor Maschinen, die denken, vor Zellen, die wir umschreiben, vor Systemen, die wir bauen und nicht verstehen. Und wir merken: die Trennung war ein Verwaltungsakt, keine Erkenntnis. Die Frage ist also nicht, ob wir wieder hinsehen sollten. Die Frage ist, warum wir es so selten tun. Ich habe hier vier Antworten gefunden.

Erstens: Hinsehen ist nicht umsonst

Ich lerne hier, dass es diese Schule nicht aus dem Nichts gab. Es gab einen Mann namens Hermias. Hermias war Sklave. Er gewann seine Freiheit, erbte die Herrschaft über Atarneus und dehnte sie auf die Nachbarstädte aus, auch auf Assos. In seiner Jugend hatte er an Platons Akademie studiert. Dort war er Aristoteles zum ersten Mal begegnet.

Ein ehemaliger Sklave baut also ein Reich und benutzt es, um Philosophie zu finanzieren. Kein Denkmal. Keine Statue. Ein Denkkollektiv. Jedes Mal, wenn ich in diesen Kulturraum eintauche, finde ich sie, diese Schätze der Inspiration. 

Wenige Jahre später schickt der Perserkönig einen Söldnerführer. Der lockt Hermias unter dem Vorwand eines Waffenstillstands in eine Falle. Hermias wird gefoltert. Er nennt keinen einzigen Mitverschwörer. Er stirbt, so die Erzählung.

Aristoteles setzt ihm ein Denkmal in Delphi und schreibt ihm eine Hymne. Nicht auf ihn, sondern auf die Arete, die Tüchtigkeit selbst. Und Jahrzehnte später, zurück in Athen, wird ihm genau diese Hymne vorgehalten. Eine Anklage wegen Gottlosigkeit. Ein Loblied auf einen Sterblichen. Aristoteles verlässt die Stadt, damit Athen sich nicht zum zweiten Mal an der Philosophie versündige.

Ich denke seit Jahren über eine einfache Gleichung nach: Fortschritt entsteht aus Talent und Kapital, multipliziert mit Vertrauen und Reibung. Über die linke Seite reden wir ständig. Talent und Kapital sind messbar, also diskutierbar. Hier, auf diesem Felsen, sehe ich die rechte Seite in einer einzigen Biographie. Vertrauen, das einen Sklaven zum Mäzen der Vernunft macht. Und Reibung, die tötet. Niemand sieht genau hin, solange ihn niemand dabei aushält.

Zweitens: Hinsehen ist das Erste, was wir aufgeben

Zweihundert Jahre später wird in derselben Stadt ein Junge geboren, der Boxer wird. Er heißt Kleanthes. Er geht nach Athen, hört Zenon, wird Stoiker, trägt nachts Wasser, um sich das Studium am Tag zu leisten. Nach Zenons Tod führt er die Stoa zweiunddreißig Jahre lang.

Von ihm stammt der Hymnus auf Zeus, einer der großen kosmischen Texte der Antike. Das Universum als lebendiges Wesen, durchzogen von einer Vernunft, an der wir teilhaben. Lebendigkeit in Reinform. 

Und von demselben Mann stammt, so wird es überliefert, die Forderung, Aristarch von Samos wegen Gottlosigkeit anzuklagen. Aristarchs Vergehen: Er hatte die Erde in Bewegung gesetzt. Er hatte den Herd des Universums verrückt.

Achtzehnhundert Jahre vor Kopernikus stand die Antwort im Raum. Und der Mann, der das Universum am innigsten besang, wollte den anklagen, der es angesehen hatte.

Hier muss ich eine Fußnote setzen, und diese Fußnote ist mir wichtiger als die Anekdote. Die Stelle ist umstritten. In den Handschriften ist es womöglich Aristarch, der anklagt, und nicht Kleanthes. Die schöne Version beruht auf einer Konjektur, auf einer Textänderung durch spätere Herausgeber.

Die beste Geschichte dieses Ortes ist vielleicht falsch.

Genau deshalb schreibe ich sie heute Morgen. Wir leben in einer Zeit, die die Kunst, recht zu haben, perfektioniert hat. Daumen hoch, Daumen runter. Reaktion statt Reflexion. Was uns fehlt, ist die Kunst, Unrecht zu haben. Die Bereitschaft, die eigene Lieblingsgeschichte auseinanderzunehmen, bevor es jemand anderes tut.

Dogmen sind nicht die Überzeugungen der anderen. Dogmen sind die Erklärungen, die wir aufgehört haben anzusehen.

Drittens: Niemand sieht allein

Vom Tempel aus sehe ich den Kaz Dağı, den Ida der Antike. Auf diesem Berg, so eine der Überlieferungen, lebten die Idaiischen Daktylen. Mythische Schmiede und Heiler. Sie entdeckten das Eisen. Sie lehrten die Menschen die Metallurgie, die Mathematik, das Alphabet.

Ursprünglich waren es drei. Ihre Namen bedeuten Gießer, Hammer und Amboss. Nicht einer. Drei. Technik entsteht in dieser Erzählung nicht durch ein Genie, sondern durch das Zusammenspiel dreier Kräfte, von denen keine allein etwas ausrichtet.

Wir bauen gerade die größte Technologie unserer Geschichte und erzählen uns dabei die Gründermythen von einzelnen Männern in Kapuzenpullis. Der ältere Mythos, der an diesem Horizont hängt, ist klüger. Er weiß, dass Schöpfung eine Konstellation ist. Und dass ein einzelnes Paar Augen zu wenig ist.

Viertens: Am Ende sehen wir uns selbst an

Eine letzte Sache, und sie bleibt mir auch nach den Gesprächen hier. Unser Wort Sarkophag kommt von diesem Ort. Es war ursprünglich das Beiwort eines Steins: sarkophagos lithos, fleischfressender Stein. Ein Kalkstein aus Assos, in dem, wie Plinius berichtet, die Körper der Toten binnen vierzig Tagen verzehrt waren, bis auf die Zähne. Das Wort für unseren letzten Behälter stammt aus dem Boden, auf dem ich hier am Wochenende sitze.

Wir arbeiten gerade mit großem Ernst daran, das Altern abzuschaffen. Wir sprechen von Zellreprogrammierung, von Langlebigkeit, davon, den Tod als lösbares Problem zu behandeln. Ich halte das nicht für Hybris. Ich halte es für die konsequente Fortsetzung dessen, was hier vor zweitausendvierhundert Jahren begann, als einer anfing, Lebendiges genau anzusehen. Das ist auch meine Vision mit tomorrowmensch.

Aber die Frage, die dieser Stein stellt, wird dadurch nicht kleiner. Sie wird größer. Wenn wir den Körper erhalten können: Was genau erhalten wir?

Lebendigkeit ist nicht die Abwesenheit von Tod. Ein System, das nur nicht aufhört, ist nicht lebendig, es ist untot. Lebendig ist, was sich weiter aussetzt, weiter korrigiert, weiter hinsieht. Genau das ist die Frage, die wir uns bei jeder Technologie stellen müssen, die uns Dauer verspricht.

Was bleibt

Aristoteles ging von hier nach Lesbos, in die Lagune von Pyrrha, und schrieb dort die ersten Seiten der Zoologie. Die Nachwelt hat ihm später einen Tod im Wasser angedichtet. Er sei, so die Legende, an den unerklärlichen Gezeiten einer Meerenge verzweifelt und hineingegangen. Historisch ist das nicht haltbar. Die Geschichte entsteht viel später. Aber sie verrät etwas über uns. Wir haben für den Mann, der alles ansehen wollte, einen Tod im Unerklärlichen erfunden.

Ich schreibe sonst auf einer Insel in den Lofoten, umgeben von einer der stärksten Gezeitenströmungen der Welt. Wasser, das nie stillsteht. Ich sehe von dort aufs Meer und hier auf dasselbe Element, dreitausend Kilometer weiter südlich, und die Frage ist unverändert. Wir suchen Gleichgewicht. Die Welt sucht Bewegung.

Assos ist für mich kein Museum. Deswegen bin ich nicht hier. Die Küste entlang, die Dörfer, der Besuch eines großen lokalen Friedhofs. Es ist eine Erinnerung an eine Geste, die etwas kostet, und die wir uns trotzdem nicht sparen können.

Jemand hörte auf, über die Welt nachzudenken, und fing an, sie anzusehen.

Wir sollten das wieder tun.

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