Wie die Zukunft aus Kiew grüßt

Wie die Zukunft aus Kiew grüßt

Heute Morgen schreibe ich aus der Ukraine. Nach der Ankunft mit azurblauem Himmel und Sonnenschein, reise ich im düsteren Regen und kalten Wind ab. Der Sommer ist vorbei, der Winter steht bevor. 

In einer Zeit, in der die Menschheit vor existenziellen Bedrohungen steht – sei es der Klimakollaps, der Umgang mit exponentiellen Technologien, Hunger oder geopolitische Spannungen –, schlägt das Herz der Weltseele in Kiew. Hier rückt eine Gemeinschaft zusammen, um die Kraft des menschlichen Potentials zu entfesseln – und auch den Blick zu verändern. Und das in einer Zeit, in der auch die globale Gemeinschaft erkennen müsste, welche der zwei gegenüberstehenden Erzählungen ihr den Weg weisen soll.

Die eine ist eine rückwärtsgewandte Erzählung einer Welt, die von Unterdrückung und perspektivlosen Narrativen geprägt ist. Eine Erzählung, bei der die Menschheit davon abgehalten wird, an der Weiterentwicklung des menschlichen Seins – des Menschseins – zu arbeiten und dem Fortschreiben der Geschichte der Menschheit. Die andere spricht von einer noch nie dagewesenen Welt, einem besseren Morgen. Eine Zukunft, die besser ist als heute. Ein positiver Fortschritt, getrieben von einer weitsichtigen, europäischen Triade aus Frieden, Vertrauen und Bildung. Ein Weg zur Prosperität für Posterität. 

Wirtschaftswachstum und Zukunft inmitten eines Kriegs

Letzte Woche wurde Wladimir Klitschko bei Markus Lanz gefragt, ob er bereit sei, für sein Land zu sterben. Seine Antwort? – Nein. Er sei bereit, für sein Land zu leben. Das sei viel schwieriger. 

Klitschko führte weiter aus, dass der Unterschied zwischen Russland und der Ukraine darin bestehe, dass es in Russland um das Opfern des Lebens gehe. In der Ukraine hingegen gehe es um das Leben selbst. Die Vision für die Ukraine sei die Zukunft und nicht die Rückkehr zu alten Ideologien und Narrativen über eine vergangene Zeit.

So stand ich am Freitagabend vor einer der schwersten Reden, die ich je gehalten habe. Vor 400 geladenen Gästen aus Wirtschaft und Politik war ich eingeladen, die Abschlussrede für die Initiative ‘Reinforce Ukraine’ zu halten. Eine große Ehre, aber gleichzeitig eine herausfordernde Aufgabe, für die in den Jahren vor dem Krieg zahlreiche Vordenker wie Michael Porter und Yuval Noah Harari nach Kiew gereist waren und in deren Fußstapfen ich nun treten würde. Bei der Veranstaltung zum dreißigjährigen Jubiläum war es gewünscht, die Wirtschaft und Politik physisch vor Ort zu versammeln. Facing the Future – so das Motto. Die ukrainische Wirtschaft stellt sich der Zukunft. 

Als mich die traditionsreiche Institution MIM aus Kiew im Sommer vergangenen Jahres – nur wenige Monate nach Kriegsausbruch – im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Thinkers50 kontaktierte und fragte, ob ich einen digitalen Vortrag über die Zukunft der Wirtschaft halten könnte, sagte ich sofort zu. Mit dem Titel ‘The Art of Being Wrong – the path to positive progress’ versuchte ich damals, einen Weg des Fortschritts aufzuzeigen. Mein Beitrag reihte sich ein in regelmäßige digitale Events, in denen neben Yuval Noah Harari, Roger Martin, Dorie Clark und Alex Osterwalder noch dreißig weitere Vordenker aus der ganzen Welt auftraten. Damit hat die Initiative über die vergangenen zwölf Monate versucht, nicht nur Bildung, sondern auch Aufbruchstimmung in der ukrainischen Wirtschaft zu vermitteln.  

Es zieht mich nicht in Kriegsgebiete, aber ich möchte zukünften. Ich halte ununterbrochen am Guten fest und glaube, der Mensch ist zu infinitem Fortschritt imstande. Und weil es etwas anderes ist, über einen Bildschirm Menschen anzusprechen als mit ihnen gemeinsam einen physischen Raum zu teilen, habe ich auch die Einladung nach Kiew sofort angenommen. 

Mit dem Ende des Projekts “Reinforce Ukraine” bricht nun die Zukunft an: eine Ukraine in der EU im Jahr 2030. Ein Weg aus der Korruption hin zu europäischen Visionen und Werten. Frieden, Vertrauen und Bildung standen im Mittelpunkt meiner Reise: Das ist auch der Traum der ukrainischen Bürger. 

Die ukrainische Wirtschaft im Schwebezustand

In einem scheinbar aussichtslosen Krieg, dessen Ende nicht in Sicht ist, suchen die Bürger die Kraft für den Wiederaufbau. Dieser erfordert eine enorme Anstrengung. Resignation wäre sicherlich der einfachere Weg. Doch der Mensch hat die Fähigkeit, in schwierigen Zeiten eine Kraft zu mobilisieren, die sonst niemand für möglich gehalten hätte. Ich treffe viele Menschen in der Ukraine, bei denen diese Kraft unerschöpflich erscheint – sie wirken unbesiegbar. 

Und so kommen wir zu dem, was mich heute bewegt: Kann der Wiederaufbau der Ukraine auch eine Chance für ein neues Europa sein? Ein Europa, das nicht nur versucht, auf die Gegenwart zu reagieren, sondern selbst eine Zukunftsvision in sich trägt, die dem Namen Europa auch gerecht wird. Es ist an der Zeit, eine Zukunft zu entwerfen, die nicht nur eine Perspektive für die Ukraine bietet, sondern auch für Europa als Region gelebter Visionen. 

Der Schlüssel wird sein, erhebliches Kapital – für Investitionen zu sichern, insbesondere von der EU, den USA und internationalen Organisationen. Schon vor dem Krieg bot die Ukraine ein riesiges Potenzial kluger und kreativer, junger Köpfe, die auf dem Gebiet innovativer Technologien Maßstäbe setzten, und sie arbeiten unvermindert an ihren Visionen. Mit der richtigen Finanzierung und Partnerschaft könnte die Ukraine eine innovative, florierende Wirtschaft aufbauen, die im Westen vollends integriert ist. Diese Mittel werden jedoch an Bedingungen geknüpft sein, die sicherlich noch strenger an ambitionierten Klimazielen und an einem funktionierenden sozialen Miteinander gekoppelt sind, als es heute in den Staaten der EU der Fall ist. Und hier entstehen Möglichkeiten. Denn ein langsamer Transit kann mit einem Neuaufbau häufig nicht mithalten – ein Greenfield Approach zur Neuschöpfung. Zu Beginn wird es um grundlegende Dinge gehen müssen, die eine funktionierende Gesellschaft benötigt. Essentiell wird es sein, dass die bereitgestellten Mittel nicht nur großen Unternehmen, internationalen Beratungshäusern oder Opportunisten zugutekommen, sondern dass die gesamte Bevölkerung davon profitiert. Durch die Investitionen, die über Ziele und Darlehen definiert werden, werden automatisch weitere Investitionen angezogen, da andere Regionen ständig nach neuen Wachstumsmärkten suchen. Mit dieser wachsenden Attraktivität steigt auch der ‘Markenwert” der Ukraine, was sich wahrscheinlich auch positiv auf den Export auswirken wird.

Wo liegt die Zukunft der Ukraine und Europas?

Irgendwann wird der Krieg enden und der Wiederaufbau wird beginnen. Kann die Ukraine bereits heute eine Vision für diese Zukunft entwerfen? Hat das Land trotz des Krieges die Kraft, sich eine bessere Zukunft vorzustellen? Nicht nur für das eigene Land, sondern vielleicht auch für ein fortschrittliches Europa. Und wenn ja, welche Möglichkeiten gibt es? Wie und wo kann die Ukraine den Krieg, während die ganze Welt zuschaut, als Startpunkt für eine neue Zukunft nutzen? Dazu habe ich mir einige Gedanken gemacht:

    1. Pioniere für ein funktionierendes Grundeinkommen. Wirtschaftsanalysen und Umfragen sind in Kriegszeiten weniger zuverlässig. Für ein Land im Krieg oder in der Nachkriegszeit ist soziale Stabilität essentiell. Ein Grundeinkommen, ähnlich den Ausgleichslösungen während der Pandemie, könnte eine stabilisierende Basis bieten. Natürlich wird es in einem solchen System “Gewinner” geben, und es mag nicht zu einer absoluten Gerechtigkeit führen. Aber komplexe Analysen oder das Knüpfen von Bedingungen in einer solch belasteten Situation erscheinen ebenso ungerecht. Es geht um Vertrauen. Daher könnte ein breit angelegtes Basiseinkommen der richtige Weg für eine funktionierende Gesellschaft sein. Möglicherweise gekoppelt an digitale Lösungen und neue technologische Möglichkeiten wie Blockchain und digitale Währungen, um maximale Transparenz zu gewährleisten. So könnte die Ukraine zu einem bedeutenden globalen Pilotprojekt werden, aus dem man lernen und aus dem neue Dienstleistungsangebote und Geschäftsmodelle entstehen könnten.
    2. Vorreiter einer regenerativen Wirtschaft. Die Ukraine verfügt über bedeutende, noch unerschlossene Reserven an Erdgas und Schieferöl/-gas. Die Erschließung dieser Energiequellen, kombiniert mit Investitionen in erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft, könnte die Ukraine zu einem wichtigen Energieexporteur machen. Eine Verringerung der Abhängigkeit von russischen Öl- und Gasimporten würde die Autonomie der Ukraine stärken. Aktuell hat die Ukraine das Ziel, bis 2050 80% ihres Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu decken. Angesichts der Abhängigkeit von Öl und Gas sowie der Bedingungen und Auflagen, die mit zukünftigen Unterstützungsleistungen einhergehen werden, besteht die Chance, den Fokus nicht nur auf die Erschließung von Gas- und Ölreserven zu legen, sondern bereits jetzt auf Projekte für einen raschen Umstieg auf erneuerbare Energien. Die Ukraine könnte durch Projekte und Unterstützung bereits heute an neuen Modellen arbeiten, den Energiewandel beschleunigen und so als Leuchtturmprojekt für Europa mit mehr als 40 Millionen Einwohnern und größten Flächenland Europas dienen. Dies hätte den Vorteil der Entkoppelung von Energieabhängigkeiten und ermöglicht zudem die Umsetzung regionaler Energieprojekte und intelligenter, zukunftsorientierter Energielösungen. Bereits entwickelte Technologien aus Ländern wie Österreich und Norwegen könnten mit Mitteln aus der EU neue Märkte erschließen und den Wandel vorantreiben. Dies würde nicht nur das Image der Ukraine stärken, sondern auch neue Geschäftsfelder für die ukrainische Wirtschaft eröffnen.
    3. Eine modernisierte Korn- und Rohstoffkammer für die Welt – Ukraine zeichnet einen äußerst fruchtbaren Boden aus und wurde als “Kornkammer Europas” bezeichnet. Die Ukraine verfügt aber auch über einige bedeutende Ressourcen und Rohstoffe, die für aufstrebende Technologien wichtig sind: Erden, Eisen, Mangan, Uran, Titan, Neongas, Nickel, Lithium. Mit erheblichen Investitionen und der Modernisierung landwirtschaftlicher und in den Ausbau der Produktions- und Verarbeitungskapazitäten könnte die Ukraine erneut zu einem bedeutenden globalen Exporteur von Getreide, Pflanzenölen und anderen Lebensmitteln werden und zu einem wichtigen Lieferanten mehrerer technologieenabler Rohstoffe werden und so ihren wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Integration in europäische Lieferketten unterstützen. Dies würde den Wiederaufbau beschädigter Infrastrukturen erfordern. 
    4. Digital-Nation modernster Technologien  – Das Entstehen des Silicon Valleys und die technologische Entwicklung in der Nachkriegszeit im deutschen “Wirtschaftswunder” sind Beispiele, wie nach Kriegen technologische Hotspots entstehen können. Was heute Teil der Kriegsmaschine ist, sind morgen die kompetenten Tech-Ikonen für eine bessere Welt. Bereits vor dem Ausbruch des Krieges besaß die Ukraine eine starke IT-Belegschaft und technisches Talent. . Bereits heute sind bis zu 14 digitale Dokumente, darunter der biometrische Pass, die ID-Karte, der Führerschein, der Fahrzeugschein, die Sicherheitspolice, die Steuernummer und die Geburtsurkunde, alle in der Diia-App gespeichert. Das Ziel ist es, 100% aller öffentlichen Dokumente und Dienstleistungen mit modernster Benutzerfreundlichkeit in der App zu integrieren. Die Ukraine ist schon jetzt ein digitales Land wie kaum ein anderes. Mit der fortlaufenden digitalen Transformation könnte der umfangreiche IT-Sektor der Ukraine zu einem Zentrum für Innovation und Forschung & Entwicklung werden. Bereiche wie Cybersicherheit, Fintech und KI/Automatisierung bieten ein interessantes Wachstumspotenzial. 
    5. Ein Stützpunkt gegen Fachkräftemangel – Bereits vor dem Krieg hatte sich die Ukraine einen Namen gemacht durch ihre vielen fähigen Ingenieure und Produktionskapazitäten, die für mittel- bis hochtechnologische Industrien geeignet sind. Auch wenn hier der Krieg erhebliche Spuren hinterlassen wird, so können auch nach dem Krieg neu erworbene Technologien und Fachkompetenzen als Grundlage dienen für Bereiche wie Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau und Transportausrüstung. Der Wiederaufbau der Infrastruktur und die damit verbundene Ausbildung von Fachkräften bieten somit nicht nur neue Arbeitsplätze innerhalb der Ukraine, sondern könnten auch den Fachkräftemangel im Westen lindern – was sich in einer Mischung aus Migration in die westlichen Märkte und Verlagerung von Produktion in die Ukraine ausprägen kann. 
    6. Tragende Säule der Baubranche – Es sind massive Investitionen erforderlich, um die beschädigte Infrastruktur der Ukraine – Straßen, Brücken, Eisenbahnlinien, Flughäfen, Stromnetze usw. – zu reparieren und zu verbessern. Der Economist legt Analysen der ‘Researchers from the Centre for Economic Policy Research (cepr)’ zugrunde und veranschlagt die Wiederaufbaukosten auf bis zu 500 Mrd. €.   Dies bietet große Chancen für Bau- und Ingenieurbüros während des Wiederaufbaus. Für eine strauchelnden Bau-Branche im Westen eine neue Opportunität, bei der Mittel sowohl der Ukraine als auch Unternehmen aus Europa zugutekommen könnten.  
    7. Ein neuer Kokoda-Pfad – Noch heute verfügt die Ukraine über vielfältige touristische Ressourcen, von historischer Architektur und kulturellen Stätten bis hin zu attraktiven Schwarzmeerresorts. Auch wenn dies im Kriegsalltag heute schwer vorstellbar ist, lehrt die Geschichte, dass aus solchen furchtbaren Ereignissen eine proprietäre Entwicklung der Tourismusbranche entstehen kann.  Der Tourismus kann mit dem Wiederaufbau zu einer lukrativen Exportindustrie werden, wenn Sicherheit und Infrastruktur wiederhergestellt sind. Ein ukrainischer ‘Kokoda Track’ wie auf Papua New Guinea als Symbol und Erinnerung an das Ende einer Erzählung über eine furchtbare Vergangenheit. Während des Zweiten Weltkriegs war der 96 kilometerlange Kokoda-Pfad Schauplatz einer großen Schlacht zwischen japanischen und alliierten (hauptsächlich australischen) Streitkräften. Heute symbolisiert der Ort, dass auf beiden Seiten der sich einst  bekriegende Staaten gesellschaftlicher Fortschritt möglich ist.  
    8. Schmelztiegel einer ‘Commons-Economy’.  Im Wesentlichen zielt eine Allmende-Wirtschaft darauf ab, Ressourcen gerecht zu teilen, um die Bedürfnisse aller innerhalb ökologischer Grenzen zu erfüllen, demokratisch im Sinne des Gemeinwohls verwaltet und nicht zur Renditesteigerung. Sie betont kooperative soziale Beziehungen statt individuellen Eigennutzen. Das sind die Themen, die mir überall auf Konferenzen in Europa begegnen. Nur wie realisieren? Das Modell der Allmende-Wirtschaft stimmt mit den Prinzipien der Schrumpfung und der Solidarökonomie überein. Es steht im Gegensatz zum kapitalistischen Fokus auf Privatisierung, Gewinnmaximierung und extraktivem Wachstum. Bekannte Beispiele für erfolgreiche Allmenden sind Open-Source-Software, Wikipedia, Gemeinschaftsgärten und Community Land Trusts (CLTs) – ein gemeinschaftliches, nicht gewinnorientiertes Eigentumsmodell, mit dem Grund und Boden der Spekulation entzogen wird. Einige Befürworter sehen in der Ausweitung des Allmende-Modells eine Alternative zu den aktuellen Wirtschaftssystemen. Für die Ukraine bieten sich bereits heute Möglichkeiten, sich mit einem solchen Wirtschaftsmodell auseinanderzusetzen. Die Bevölkerung lernt heute auf schmerzvolle Art und Weise, dass es um gemeinsame Ressourcen geht – Ressourcen wie Land, Wasser, Wissen, Kultur und öffentliche Räume sind Teil der Gemeinschaft. Sollten sie nicht für alle zugänglich sein, statt privat zu bleiben? Können sie von der Gemeinschaft verantwortungsvoller geteilt werden? Das sind Fragen, die in der Theorie im Westen diskutiert werden, in der Ukraine sind sie Teil der praktischen Herausforderungen. Die ukrainische Bevölkerung setzt sich heute mit einer demokratischen Verwaltung auseinander.  Wie sollen Entscheidungen darüber getroffen werden, wie gemeinsame Ressourcen genutzt und verteilt werden. Das Land nimmt Abstand von einer zentralisierten Autorität. Nachhaltigkeit – Die nachhaltige Verwaltung von Ressourcen für langfristiges Gedeihen hat Vorrang vor kurzfristigen Gewinnen. Auch hier spüren die Ukrainer diese Bedeutung in der Praxis. Der Schutz der Allmende vor Übernutzung und Degradierung ist entscheidend. Was wissentlich präsentiert wird, ist heute in der Ukraine Alltag. Gerechtigkeit – Alle Mitglieder der Gemeinschaft haben gleichberechtigten Zugang zu und die gleichen Nutzungsrechte an gemeinsamen Ressourcen. Vorteile werden gemäß den Gemeinschaftsnormen gerecht verteilt. Kooperation – Es herrscht ein kooperativer Geist, der auf gegenseitigem Nutzen statt auf Wettbewerb ausgerichtet ist. Mitglieder arbeiten gemeinsam auf gemeinsame Ziele hin. In all diesen Punkten besteht eine Chance für die Ukraine, die bereits entworfenen Modelle in der Praxis umzusetzen, aus der wiederum neue Möglichkeiten für die Wirtschaft entstehen können. 
    9. Umgang mit mentaler und physischer Gesundheit – Trauma-Bewältigung und “Mental Health” sind im Westen bereits heute große Themen mit steigender Tendenz. Durch die Nutzung neuer Technologien und Kompetenzfelder könnten in der Ukraine Unternehmen entstehen, die Lösungen für diesen global wachsenden gesellschaftlichen Bedarf anbieten, während die Lokalbevölkerung für den Wiederaufbau und eine wirtschaftliche Erholung Unterstützung bekommt. 
    10. Frauen in Führung – Das Bild bei der Anreise hinterlässt Spuren. Volle Züge, in denen viele Frauen alleine mit ihren Kindern unterwegs sind. Überraschend sind aber die vielen Gespräche mit den Frauen vor Ort, die jetzt überall Führungsrollen in Wirtschaft und Politik übernehmen. Sie haben mich inspiriert mit ihrer Hingabe und ihrem Optimismus. Trotz des Leids führen sie in dieser Krisenzeit mit außergewöhnlicher Hingabe und Mitgefühl Veränderungen an. Dies sind ukrainische Leader, die an vorderster Front dabei sind, ihr geliebtes Land und ihre Heimat wieder aufzubauen. Auch hieraus entstehen neue Initiativen für eine neue Führungskultur, die “Exportschlager” werden und als Beispiel für Diversität und Gleichberechtigung dienen können, die nicht  über Quotierung und Regelung entstehen. 
    11. Aushängeschild in Bildung – Nicht nur  die rasante Entwicklung der Technologie, die komplexe Welt und ihre Wirtschaft stellen neue Bildungsanforderungen, auch der Wiederaufbau erfordert kompetente Menschen. Ein Verständnis für Offenheit, analytische Fähigkeiten, Adaptionsfähigkeit, Kreativität und Leadership-Qualitäten gehören zum ukrainischen Alltag heute. Als Blaupause können auch praktische Erfahrungen aus Krisenzeiten eine Grundlage für neue Bildungsmodelle bieten.   
    12. Vorreiter in der ‘doppelten Materialität’ – Unternehmen werden in naher Zukunft berücksichtigen müssen, wie ihre Handlungen sowohl Menschen als auch den Planeten beeinflussen. Gleichzeitig müssen sie auch bedenken, wie Fragen der Nachhaltigkeit ihr finanzielles Wohlergehen beeinflussen können. Es geht im Grunde darum, das große Ganze aus zwei verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Daraus ergibt sich ein starker Fokus sowohl auf die lokale als auch auf die globale Wirtschaft. Das bedeutet, dass “rebellische Bürgermeister” eine Maximierung des Wertes für die Gemeinschaft anstreben. In Zusammenarbeit mit anderen (ähnlichen) Regionen können daraus neue Exportmöglichkeiten entstehen. Ich bin davon überzeugt, dass sich in den nächsten zehn Jahren die Grenzkosten für Energie rapide in Richtung Null bewegen werden. Aus dieser von neuen Technologien angetriebenen Entwicklung wird der heutige Fokus auf “Nachhaltigkeit” zu einem Fokus auf Profitabilität. Ressourcen, Effizienz und regenerative Lösungen sind dann keine ideologischen Geschäftsmodelle mehr, sondern die Grundlage einer neuen Wirtschaft, in der Ökologie und Ökonomie synergetisch zusammenwirken und Ressourceneffizienz die Basis für profitables Unternehmertum bildet. Dieser humane und sozial marktwirtschaftliche Ansatz stellt ein Upgrade des bestehenden Kapitalismus dar und führt zu einer neuen Wirtschaftsform. Ich nenne diese Wirtschaft die Quantenwirtschaft. Es zeichnet sich bereits heute ab, dass die Ukraine mit der richtigen Unterstützung und dem richtigen Wiederaufbau zu einem Vorreiter eines solchen humanen Kapitalismus werden könnte.

Schauen wir uns die Punkte und die Rohstoffe genauer an, finden wir dort größtenteils genau jene Punkte, mit denen Europa sich heute konfrontiert sieht, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten und um eine öko-sozialen Marktwirtschaft voranzutreiben. 

Ist also vielleicht die Zukunft der Ukraine gleichzeitig auch die Zukunft von Europa?

In den Augen der Menschen, die mir in den letzten Tagen vor Ort begegnet sind, sehe ich die Last, die sie tragen. Der bevorstehende Winter wird eine Kraftprobe. Andererseits bemerke ich, wie schnell die Menschen wieder lachen, wie sie Freude empfinden, Witze erzählen und ihr Leben weiterführen. Mir ist klar geworden, dass, wenn wir den Herztönen des Lebens lauschen und den gegenwärtigen Zustand und den Alltag nicht einfach hinnehmen – so wie wir unsere eigenen täglichen Herztöne oft überhören – und stattdessen in uns hineinhorchen, wir die Kraft der Zukunft alle in uns haben. 

Für Europa und Deutschland wäre es riskant den bevorstehenden Winter zu unterschätzen und die Folgewirkungen auf die zukünftige Leistungsfähigkeit Europas nicht zu verstehen. 

Gleichzeitig scheint es auch eine verpasste Chance zu sein, nicht die Kraft zu finden und zu investieren, um an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Bereits heute kann die Vision für ein besseres, sozialeres und gerechteres Europa entworfen werden. Bereits heute können neue Definitionen von Wachstum zugrunde gelegt werden für zukünftigen Wohlstand.

Die Lage in der Ukraine darf niemals zu einem Normalzustand werden. Der Krieg und täglicher Kampf um eine europäische Zukunft dürfen nie zum Alltag werden. Wie unser Herz täglich schlägt, ohne dass wir darüber nachdenken, lohnt es sich, sich mit diesem inneren Teil der Lebendigkeit täglich auseinanderzusetzen. In unseren westlichen Wohlstandsoasen geht es weder um den Kampf gegen den Tod, noch um das Leben. Der Zustand hier gleicht einer Untotigkeit, auf die der Stillstand folgt. Die Homeostase – als statisches System – ist ein totes System. Es geht also um unsere Zukunft. 

So sehe ich am heutigen Morgen, fast symbolisch, ein kleines Kind mit einem Schulranzen voller Lebendigkeit über den Platz laufen. Es herrscht Ruhe, nur das Lachen dieses jungen Menschen ist zu hören – und die Herztöne des Weltethos aus Kiew. Eine Kraft der Lebendigkeit. Und genau diese Kraft dürfen wir in Deutschland und Europa nicht vernachlässigen, irgendwann wird es nicht mehr möglich sein, nur reaktiv mit der Zukunft umzugehen, der kommende Winter ist eine weitere Chance, eine Vision für Europa zu entwickeln. Mit und für die Ukraine. Wir sollten diese Chance nicht verpassen. 

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