WIR UNTOTEN: Der Ruf nach Lebendigkeit im 21. Jahrhundert

WIR UNTOTEN

Der Ruf nach Lebendigkeit im 21. Jahrhundert

 

In Zeiten, in denen die Grenzen zwischen der wahrgenommenen Realität und Virtualität immer mehr verschwimmen, drängt sich eine Frage auf: Wo ist der Mensch geblieben? Die Bedrohung liegt nicht in der Polarisierung vermeintlicher Gegensätze zwischen analog und digital, sondern in der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. Denn in einer virtuellen Welt ist die Wahrnehmung unserer eigenen Wahrnehmung genauso real wie in der vermeintlichen physischen Welt. 

Im heutigen ‘Anders Gedacht’ geht es um die Auswirkungen von Technologie auf das menschliche Leben, die Herausforderungen der metamodernen Welt und die Notwendigkeit, einen neuen Existentialismus zu entwickeln, um die ‘Untotigkeit’ zu überwinden.

EINE NEUE WELT?

Heute leben wir in einer metamodernen Welt, die zwischen Moderne und Postmoderne oszilliert und uns Menschen in einen paradoxen Zustand des Daseins versetzt hat. Wir stehen am Rande einer Ära der Untoten.

Still und heimlich hat sich diese ‘Untotigkeit’, die durch den Verlust des Bezugs zur Realität gekennzeichnet ist, in unser Leben eingeschlichen. Sie wird geprägt von künstlicher Intelligenz, sozialen Medien, digitaler Isolation und dem Streben nach Unsterblichkeit. Aber sie droht auch durch den Verlust unserer Qualia und den technischen Nachbau unserer Körper und Gehirne. Wir spielen mit (technologischen) Kräften, die wir möglicherweise nie vollständig verstehen oder kontrollieren können. Denn der Kampf im 21. Jahrhundert ist nicht ein Kampf gegen die Endlichkeit – unseren Tod – und die Zähmung der neuen Technologien, sondern der Kampf gegen die Untotigkeit. 

In dieser metamodernen Welt, in der uns ein unendlicher technologischer Fortschritt erwartet, müssen wir lernen, ein dynamisches Gleichgewicht zwischen der Rationalität und dem Optimismus der Moderne und dem Skeptizismus und der Relativität der Postmoderne zu finden. Dies erfordert die Bereitschaft, die Widersprüche und die Komplexität unserer Welt zu akzeptieren, und die Demut, anzuerkennen, dass es vielleicht keinen “richtigen” Weg gibt, zu leben oder unsere Erfahrungen zu verstehen. 

Wir brauchen heute eine hohe Ambiguitätstoleranz, bei der wir nicht nur lernen, die Widersprüchlichkeit unserer Zeit zu ertragen, sondern auch, mit dem Unbekannten umzugehen, ich nenne dies Ambiguitätstoleranz+. In der metamodernen Ära sind wir Menschen mit der Herausforderung konfrontiert, diese scheinbar widersprüchlichen Weltanschauungen zu vereinbaren – eine neue existenzielle Krise.

In einer Welt der Untoten, in der uns viele äußere Kräfte beeinflussen, ist es von höchster Bedeutung, unsere Verantwortung ernst zu nehmen und uns bewusst zu machen, dass wir die Schöpfer unserer eigenen Realität sind. Denn heute geht es nicht um ‘die Freiheit’, sondern um die Gefangenschaft in der eigenen Freiheit. 

Gefangen in der eigenen Freiheit zu sein, mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, aber es ist ein Zustand, der vielen Menschen im 21. Jahrhundert nicht fremd ist. Die metamoderne Welt bietet uns eine Fülle von Möglichkeiten und Entscheidungen, sowohl beruflich als auch privat. Doch gerade diese schier grenzenlose Freiheit kann uns paradoxerweise gefangen nehmen und zu Gefühlen von Überforderung, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit führen. Diese Entwicklung findet auf mehreren Ebenen statt:

  • Entscheidungsüberforderung: In einer Welt voller Möglichkeiten kann es schwierig sein, Entscheidungen zu treffen. Die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen oder etwas Besseres zu verpassen, kann dazu führen, dass man sich von den vielen Optionen, die das Leben bietet, überwältigt fühlt und so eine Entscheidungsmüdigkeit entsteht, die zur Untätigkeit führt.
  • Mangel an Struktur und Orientierung: Die Freiheit, unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten, kann zur Unsicherheit über den eingeschlagenen Weg führen.. Ohne klare Struktur und Orientierung kann es schwierig sein, Ziele zu setzen und Prioritäten zu bestimmen, was zu einem Gefühl der Gefangenschaft in der eigenen Freiheit führen kann.
  • Die Suche nach Perfektion: In einer Welt, in der uns ständig suggeriert wird, das  Beste aus uns herauszuholen, kann das Strebennach Perfektion dazu führen, dass wir uns in unserer eigenen Freiheit eingeschränkt fühlen. Wir setzen uns selbst unter Druck, in jeder Hinsicht erfolgreich und perfekt zu sein, und geraten in eine Falle, in der wir nie zufrieden sind, egal wie viel wir erreichen.
  • Vergleich mit anderen: Durch die Omnipräsenz sozialer Medien , ist es leicht, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Wenn wir sehen, wie erfolgreich und glücklich andere Menschen zu sein scheinen, können wir uns in unserer eigenen Freiheit gefangen fühlen, weil wir das Gefühl haben, nicht genug zu tun oder nicht gut genug zu sein.

Um sich aus dieser Gefangenschaft der eigenen Freiheit zu befreien, brauchen wir einen neuen Existenzialismus, der sich nicht mit dem Tod auseinandersetzt, sondern mit der Lebendigkeit. 

VITA-EXISTENTIALISMUS

Inmitten des technologischen Tsunamis entsteht eine neue Philosophie, die an die Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts anknüpft. Die Freiheit des Individuums, die Bedeutung von Authentizität und die menschliche Verantwortung für die eigenen Entscheidungen und Handlungen werden im Kontext des 21. Jahrhunderts und der metamodernen Welt neu verhandelt. Vor allem persönliche Erfahrung, individuelles Bewusstsein und subjektives Erleben stehen im Vordergrund. Die Ideen von Søren Kierkegaard, Friedrich Nietzsche, Jean-Paul Sartre und Albert Camus werden in einem neuen Licht betrachtet.

Dieser neue Existenzialismus hinterfragt nicht den Sinn unserer Existenz, um dem Tod ins Auge zu blicken, sondern um der Untotigkeit entgegenzutreten – jener scheinbaren Unsterblichkeit, die uns in einer Welt des ständigen Wandels und der Unwirklichkeit gefangen hält und uns sogar unserer eigenen Qualia beraubt. Denn mit unserem technologischen Antrieb, die Evolution und Schöpfung in unsere eigenen Hände zu nehmen, riskieren wir eine letzte narzisstische Kränkung der Menschheit, indem wir unseren eigenen Schöpfer erschaffen. Deus Ex Machina – Gott aus der Maschine. 

Im 21. Jahrhundert verwandelt sich der theologische Kreationismus in einen von Menschen initiierten Kreationismus – wir können alles erschaffen. 

Heute liegt die Herausforderung nicht darin, sich dem Jenseits zu stellen, sondern dem Diesseits – unserer eigenen Wahrnehmung von Hier und Jetzt, bei der eine Sinngebung zur größten Herausforderung in der Geschichte der menschlichen Existenz wird. 

Auf dem Weg zur technologischen Singularität und Unsterblichkeit wird die Herausforderung eines Vita–Existentialismus deutlich: Um der Untotigkeit zu begegnen, müssen wir den Mut aufbringen, uns von der endlichen Sinnsuche in unserem Leben zu lösen. 

Ein zentrales verbindendes Element zwischen dem neuen und dem alten Existenzialismus ist der Appell an die Eigenverantwortung. Doch wir sind heute nicht “zur Freiheit verdammt”, wie Sartre sagt,  sondern jeder von uns muss die Verantwortung für sein Leben und seine Entscheidungen übernehmen, um echte Freiheit und Autonomie zu erlangen und sich einer Sinngebung zu stellen. 

Befreien wir uns für einen kurzen Moment von Simulations-Hypothesen und Digitalität, können die ersten Schritte darin bestehen, das Leben an sich wiederzuentdecken und uns selbst zu hinterfragen, um in einer Welt voller Ablenkungen, Täuschungen und Oberflächlichkeiten wieder Fuß zu fassen. 

  • Indem wir uns dieser Herausforderung stellen und die Bedeutung von Ehrlichkeit, Mit-Menschlichkeit und Verantwortung in unserem Leben neu verankern, können wir uns aus dem Nebel der Untotigkeit befreien und zu einer echten und wahrhaftigen Existenz zurückkehren, in der wir unser Handeln bewusst reflektieren. 
  • Indem wir verstehen zu akzeptieren, dass nicht alles kontrollierbar perfekt sein kann, können wir lernen, loszulassen und uns von der Last der Perfektion zu befreien. 

Selbstfindung und Transformation mögen große Worte sein, doch letztlich dreht sich alles um Wahrnehmung. Die Lebendigkeit steht vor dem Fall. Ein absoluter Zustand des Untot-seins kommt dem Tod sehr nahe oder ist möglicherweise sogar unser schlimmstes Schicksal? 

Der Vita–Existentialismus fordert uns auf, uns der Untotigkeit zu stellen, indem wir Authentizität, Verantwortung und den Mit-Menschen in den Mittelpunkt unseres Lebens rücken. Durch die Verinnerlichung dieser  Werte und die bewusste Entscheidung , ein Leben zu führen, in dem wir ein infinites Streben nach Authentizität und Balance verfolgen, entkommen wir der Untotigkeit und gelangen zu einer tieferen Erfahrung der menschlichen Existenz. 

Denn Mensch zu sein ist ein infinites Streben nach Fortschritt und dynamischem Äquilibrium, Mensch sein ist ein dynamischer Zustand. …Oder um die Weisheiten des großen ‘Philosophen’ Edward Teagues zu zitieren, die er einst seinem Sohn, Kapitän Jack Sparrow, so treffend vermittelte: “Es geht nicht nur darum, ewig zu leben, Jackie.” “Der Trick ist, für immer mit sich selbst zu leben.”

In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz und virtuelle Welten unser Leben dominieren, ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir uns auf das besinnen, was uns wirklich ausmacht – unsere Fähigkeit, zu lieben, zu lernen und gemeinsam zu wachsen. Dabei sollten wir die neue  Technologien bewusst und ethisch einsetzen, um die Lebensqualität für alle Menschen zu verbessern und gleichzeitig unsere Beziehungen zu anderen und zu uns selbst zu stärken. 

Nur durch eine dynamische Auseinandersetzung – ein Homöodynamik –  können wir die Untotigkeit hinter uns lassen und ein Leben möglicher Sinngebung führen. 

Der Ruf nach Lebendigkeit ist eine Einladung, unsere Existenz in all ihrer Fülle zu umarmen.

“Das ‚Diesseits‘ zeigt eine brutale Apathie. Wenn es eine Seele hat, ist es kalt. Wenn es eine Wahrnehmung hat, ist es abwesend. Es ist hässlich, brutal und absurd. Stürzt man sich jedoch kopfüber in den Abgrund, so zeigt sich das Licht der Lebendigkeit und eine neue, schöne Absurdität kann aufblühen. Dies nenne ich jenseitigen – vielleicht sogar göttlichen – Wahnsinn.“

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