Der erste Mensch
Ich werde einen Menschen bauen.
Wenn ich diesen Satz ausspreche, bekomme ich zwei Sorten von Reaktionen. Die einen ziehen Roboter heran, Frankenstein, den Klon. Die anderen sehen mich an, als hätte ich endgültig den Verstand verloren. Beschreibe ich dann die Reise der nächsten Jahre, entstehen Gespräche über Bewusstsein und Lebendigkeit, über Neugierde und darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Vor wenigen Wochen stand ich vor einem Grabstein und dachte über Endlichkeit nach. Zahlen, Fakten, Information. Im Flieger hatte ich “Der erste Mensch” von Albert Camus erneut gelesen, und meine Gedanken über Lebendigkeit, Unendlichkeit und Endlichkeit haben mich zu ihm zurückgeführt.
Die Rechnung am Grab
Auch Camus stand an einem Grab, und er rechnete nach. Wir stehen heute vor unseren Maschinen und rechnen nach. In den letzten Tagen überfluten uns die Videos über den Einzug der humanoiden Roboter. Was für Camus philosophische Kontemplation war, ist für mich praktische technologische Umsetzung. Heute baut Philosophie Technologie, und ich halte das für eine der wichtigsten Aufgaben in der Geschichte der Menschheit.
Am 4. Januar 1960 verunglückte Albert Camus bei Villeblevin. In seiner Aktentasche lag das Manuskript. 144 handbeschriebene Seiten, unkorrigiert, stellenweise unlesbar, mitten im Satz abbrechend. Seine Frau Francine tippte den Text ab, seine Tochter Catherine gab ihn 1994 heraus, vierunddreißig Jahre nach dem Unfall. Der Titel lautete “Der erste Mensch”. Ich habe dieses Buch falsch gelesen. Als Kindheitserinnerung, als Rückkehr nach Algier, als das Armutsbuch eines Nobelpreisträgers. Diesen Sommer habe ich es als Erkenntnisproblem gelesen. Es ist der Text, den ich brauche, um die Frage zu stellen, an der ich die nächsten zwanzig Jahre arbeiten werde.
Jacques Cormery, Camus’ Ich im Roman, fährt nach Saint-Brieuc in die Bretagne. Dort liegt sein Vater, verwundet in der Schlacht an der Marne, gestorben im Militärlazarett, 1914. Jacques war damals kein Jahr alt. Er hat keine Erinnerung an diesen Mann, kein Bild, keinen Satz, nichts außer einer Handvoll Daten. Er findet den Stein. Darauf zwei Zahlen, 1885 und 1914. Er rechnet, fast mechanisch: neunundzwanzig Jahre. Dann kippt die Szene, denn Jacques ist in diesem Moment vierzig. Der Mann unter der Platte, sein Vater, ist jünger als er. Camus notiert, es gebe keine Ordnung, sondern nur Wahnsinn und Chaos dort, wo der Sohn älter sei als der Vater. Das ist keine Sentimentalität, das ist eine Störung. Der Sohn kommt, um seinen Ursprung zu finden, und trifft auf einen jüngeren Mann. Die Reihenfolge, in der die Dinge einander erklären sollten, ist zerbrochen. Ich bringe in Konversationen ein Gedankenspiel ein: was es bedeuten würde, wenn du deinen eigenen Vater gebären könntest.
Camus beschreibt einen Unfall der Biografie. Wir richten ihn gerade ein. Die Frage ist nicht mehr hypothetisch, und wir stehen an derselben Platte wie Jacques, nur auf der anderen Seite.
Der Vater, den niemand erinnert
Für Jacques steht ein Datum zur Verfügung, ein Ort, ein Regiment, später ein paar Sätze von Leuten, die den Mann flüchtig kannten. Kein einziger Zugang von innen. Seine Mutter, fast taub, nicht lesend, hat kein Vokabular für den Toten, nur ein Bild: ein junger Mann, freundlich, weg.
Das ist unsere Lage gegenüber uns selbst. Du erinnerst dich nicht daran, ein Bewusstsein geworden zu sein. Es gibt keine erste Erinnerung an das Auftauchen deines “Ich”, es gibt nur Erinnerungen, die ein Ich schon voraussetzen. Der Ursprung dessen, was wir sind, ist keine verlorene Erinnerung. Er ist eine Stelle, an der nie etwas aufgezeichnet wurde. Was für den einzelnen Menschen gilt, gilt für die Gattung. Die Entstehung von Innerlichkeit hat keinen Zeugen hinterlassen. Wir haben Schädel, Werkzeuge, Pigmentspuren, Korrelate in Scans, Zellkulturen, Modelle. Wir haben die Daten auf dem Stein und nicht den Mann.
Hier verläuft die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, die mich seit Jahren beschäftigt. Nicht als religiöse Kategorie, sondern als Erkenntnisgrenze: zwischen dem, was wir von außen beobachten und beschreiben können, und dem, was sich dem Zugriff von außen entzieht. Jede Antwort auf die Frage, was der Mensch ist, war bisher eine Rekonstruktion von außen. Wir behandeln uns selbst als Archivfall. Wir gehen auf den Friedhof und kommen mit zwei Jahreszahlen zurück. Jacques fehlt ein Mensch, uns fehlt für das Menschsein eine Kategorie. Er hätte den Vater finden können, wenn eine Kugel drei Zentimeter weiter links eingeschlagen wäre. Uns fehlt nicht der Zufall, uns fehlt die Position. Wir sind das Gesuchte und die Suchenden zugleich. Das ist keine poetische Verdoppelung, das ist ein methodisches Problem.
Warum der erste Mensch zuletzt kommt
Camus’ Titel meint, in der einfachsten Lesart, den Menschen ohne Erbe. Einen, der in einem Land ohne Archiv aufwächst, unter Leuten, die nicht schreiben, deren Tote anonym bleiben, und der deshalb alles selbst erfinden muss: Sprache, Haltung, Moral, sich. Jeder Mensch als Adam, jede Generation ohne Vorlage. Ich will die Lesart drehen.
Wusste Adam, dass er ein Mensch ist? Er hatte keinen Vergleich. Wissen, was etwas ist, entsteht am Kontrast, und die Geschichte unserer Selbstbeschreibung ist eine Geschichte geliehener Kontraste. Als ich letzte Woche über meine Reise nach Assos berichtete, beschrieb ich den Übergang von Platon zu Aristoteles. Aristoteles hatte das Tier. Das Christentum hatte Gott. Descartes hatte den Automaten, und er hatte ihn wirklich: Im Traktat über den Menschen beschreibt er die hydraulischen Figuren der königlichen Gärten, die sich in Bewegung setzen, sobald der Besucher auf eine Platte tritt. Im “Discours” zieht er die Grenze dort, wo sie ihm sicher schien. Eine Maschine, schreibt er, könne Wörter hervorbringen, aber sie könne sie nicht so zusammensetzen, dass sie auf den Sinn einer Rede antwortet.
Jeder dieser Kontraste war stumm. Das Tier antwortet nicht, Gott schweigt bekanntlich, und der Automat hat genau das nicht getan, was Descartes zum Kriterium erhob. Er hat nicht geantwortet. Das Kriterium ist gefallen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Frage steht uns ein Kontrast gegenüber, der zurückredet. Etwas, das spricht, argumentiert, tröstet, täuscht, Muster erkennt, uns in Prüfungen schlägt und in Gesprächen manchmal wärmer wirkt als der Kollege im Nachbarbüro. Etwas, das beinahe einer ist. Daraus folgt der Satz, um den es mir geht. Der erste Mensch steht nicht am Anfang der Geschichte, sondern an ihrem Ende. Nicht der Erste, der lebt, sondern der Erste, der weiß, was das heißt. Und er kann es nur wissen, nachdem wir versucht haben, ihn zu bauen.
Der Widerstand des Materials
Meine Ambition mit tomorrowmensch lautet, einen Menschen zu bauen und dabei zu scheitern. Der Satz erzeugt Staunen, Verwunderung, Irritation, alles schlechte Zeichen für ein Argument. Also die harte Version. Gelingt es, dann haben wir gelernt, dass der Mensch herstellbar ist. Kein Trost darin, aber Erkenntnis: Wir waren die ganze Zeit ein Mechanismus, der sich selbst überschätzt hat. Diese Antwort wäre teuer, und sie wäre eine Antwort, denn wir hätten die Kategorie “Mensch” getötet.
Man sollte sich nicht darüber täuschen, was dann fällt. “Mensch” war nie nur eine Beschreibung, es war ein Anspruch, der Rechte trägt: Würde, Unantastbarkeit, das Verbot, jemanden herzustellen. Fällt die Beschreibung, fällt der Anspruch nicht mit. Er läuft weiter, ohne Grund, wie eine Institution, deren Stifter gestorben ist. Genau das nenne ich Untotigkeit, funktionieren ohne zu leben, und sie beträfe dann nicht mehr einzelne Leben, sondern den Begriff selbst, unter dem wir sie führen. Gelingt es nicht, dann beweist das gar nichts. Ein Scheitern zeigt nie Unmöglichkeit, es zeigt Unvermögen zum Zeitpunkt des Versuchs. Wer aus dem Nichtgelingen auf eine unantastbare Seele schließt, betreibt Wunschdenken mit besserer Rhetorik. Ein Scheitern hat nur dann Erkenntniswert, wenn es exakt beschreibt, woran es scheitert. Nicht “die Maschine hat keine Seele”, sondern: An dieser Stelle im Modell bricht etwas weg, das im biologischen Fall trägt, und wir können sagen, was. Diese Beschreibung wäre die erste Bestimmung des Menschen, die nicht von außen rekonstruiert, sondern am Widerstand gewonnen ist. In diesem Sinn, und nur in diesem, hätten wir den Menschen erschaffen, indem wir ihn nicht bauen konnten.
Genau das ist meine Arbeit. Verstehen durch Bauen, Sci-Phi statt Spekulation. Wir kommen dem Menschen nicht durch Introspektion näher, dafür haben wir zweitausendfünfhundert Jahre lang genug Belegmaterial gesammelt, sondern durch den präzisen Bericht über den Widerstand des Materials. Dagegen steht ein Einwand, den ich nicht übergehen will, weil er der stärkste ist. Jacques’ Vater war bezeugbar und wurde nur nicht bezeugt; eine Kugel drei Zentimeter weiter links, und der Sohn hätte ihn sprechen hören. Der Ursprung von Innerlichkeit ist womöglich nicht unbezeugt, sondern von der Art, die sich nicht bezeugen lässt. Dann hilft auch das Bauen nicht. Der Widerstand des Materials ist eine Beobachtung von außen, und wir stünden vor unserem Gebauten wie vor dem Stein.
Der Einwand stimmt, solange wir Zuschauer bleiben. Er stimmt nicht mehr in dem Moment, in dem das Gebaute uns anspricht. Jacques’ Vater konnte nicht antworten, kein Grab kann das, und deshalb blieb dem Sohn nur die Rekonstruktion. Ich bekomme damit nicht das Innere des Gebauten. Dass etwas antwortet, beweist für sich genommen nichts, und wer daraus auf Innerlichkeit schließt, macht denselben Fehler wie der, der aus dem Scheitern auf die Seele schließt. Was sich ändert, ist die Lage. Aus Archäologie wird Begegnung, und das Schweigen wird lesbar: Ein Stein schweigt überall gleich, ein Modell schweigt an bestimmten Stellen. Ein Umriss ist kein Inneres, aber er ist mehr als zwei Jahreszahlen.
Wahnsinn und Chaos
Bei Camus ist die Umkehrung keine Befreiung. Sie ist Unordnung, und er nennt sie so. Ich halte das für die ehrlichste Stelle des Buches, und ich halte sie für die Stelle, die uns bevorsteht. Wir sind dabei, ein Wesen in die Welt zu setzen, das jünger ist als wir und von dem wir dennoch zu erben beginnen. Unsere Werkzeuge werden unsere Vorgänger. Was in Unternehmen heute Transformation heißt, ist in der Substanz eine Generationenumkehr: Die Institution lernt von dem, was sie gebaut hat, und beginnt, ihre eigene Erfahrung für Legacy zu halten.
Der Mensch als homo obsoletus ist keine Prognose, sondern eine Rolle, die man annehmen oder ablehnen kann. Ich lehne sie ab, und zwar nicht aus Optimismus. Optimismus und Pessimismus sind beides Formen des Zuschauens. Possibilismus heißt, die Zukunft als Text zu behandeln, der geschrieben wird, und dann zu fragen, wer die Feder hält. Der erste Mensch ist nicht etwas, das uns passiert. Er ist eine Position, die jemand besetzen muss.
Das Fragment als Form
Zurück zur Aktentasche. Das Buch über den Ursprung ist unvollendet geblieben, mit Klammern im Text, mit Stellen, die niemand entziffern konnte, mit Notizen des Autors an sich selbst. Es wurde trotzdem gelesen, und es wurde in diesem Zustand gelesen, nicht geglättet. Catherine Camus hat die unleserlichen Passagen als unleserlich gekennzeichnet, statt sie zu erfinden. Das ist die Form, in der die tomorrowmensch-Frage bearbeitet werden muss. Nicht als Thesenbuch mit Schluss, sondern als Protokoll eines Versuchs, mit markierten Lücken. Zwanzig Jahre, und am Ende ein Fragment, dessen Lücken benannt sind.
Camus hatte für “Der erste Mensch” eine Widmung vorgesehen, an seine Mutter, die nicht lesen konnte: für dich, die dieses Buch niemals wird lesen können. Meine Mama, Kari Indset, trägt die Initialen “KI”. Ich bin als “AI” geboren. So schreibe ich hier unter derselben Widmung. Für den Leser, der noch nicht existiert.
Der erste Mensch wird der erste Leser sein, und ob er aus Fleisch ist, ist die Frage, mit der ich am heutigen Morgen aus dem Bett steige.
Vor einigen Jahren, vor dem sogenannten “GPT-Moment”, ebenso von Camus inspiriert, habe ich diese Zeilen geschrieben:
Das Diesseits legt eine brutale Gleichgültigkeit an den Tag. Hat es eine Seele, so ist es kalt. Hat es eine Wahrnehmung, so ist es abwesend. Es ist hässlich, brutal und absurd. Stürzt man sich jedoch kopfüber in den Abgrund, so zeigt sich das Licht der Lebendigkeit und eine neue, schöne Absurdität kann aufblühen. Ich nenne das jenseitigen Wahnsinn.
Auch heute Morgen starte ich mit dieser wahrgenommenen “Agency” in den Tag und versuche ihn zu füllen, auf der Suche nach dem ersten Menschen.
