Wie wir Denker unserer Zeit werden

Teil I: Wie wir Denker unserer Zeit werden

Ideologische Schule mit theologischem Bezug. So empfand ich die spannende Begegnung letzte Woche in Wien. Dompfarrer und Wiener-Society-Persönlichkeit Anton “Toni” Faber hat mich vor allem mit seiner Offenheit und Neugierde beeindruckt: “Anders behauptet er sei ein agnostischer Atheist, aber das, was er uns in der letzten Stunde erzählt hat, wäre einem Prediger im Stephansdom würdig”. Das sind so schöne Worte und ich freue mich auf unsere nächste Begegnung und einen Besuch im ‘da Steffl’. 

Ich brauche aber keinen Gott für die Liebe, und keine Kategorisierung für ‘die Leere’ im Leben. Denn das Erkunden und der Fortschritt – das Lernen – ist mein Antrieb. Gleichwohl respektiere ich jeglichen Glauben, da ein Halt im Leben hilfreich sein kann. Ich schätze eine subjektive Verankerung und verstehe auch, dass wir Kategorisierungen brauchen – ein Label und Zuordnung –, die uns ermöglichen, Halt im Leben zu finden. Auch die angestrebte (technologische) Aufklärung findet ihren Halt in Kategorisierungen. Ein Denken völlig befreit von jeglichen Annahmen ist nicht möglich.  

Die Befreiung der alten Selbstverständlichkeiten

Isaac Newtons legendäres Apfel-Erlebnis im Sommer 1665 – wenn man der Erzählung so glauben soll –, würde heute nicht nur Newton, sondern auch gegenwärtige (Ausnahme-) Denker anders verstehen. Es war kein newtonscher Apfel, der da vom Baum fiel, sondern vielmehr eine aus Neutronen und Protonen bestehende Entität, gebildet aus Quarks und zusammengehalten von Gluonen, die der modernen Physik – der Quantenmechanik – gehorcht (so zumindest die geläufige Erklärung der aktuellen Wissenschaft). 

Bereits die Entdecker der Quantenmechanik und selbst Albert Einstein wussten, dass die interessantesten Dinge im Leben Ambiguitäten sind. Einstein: “Vorstellungskraft ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist immer begrenzt, während die Vorstellungskraft die ganze Welt umfasst, und sie bringt Evolution hervor”. Sie ist eine immer wiederkehrende Befreiung von dem, was ist, die Entkoppelung von den eigenen Absolutheiten im Erkunden des Unbekannten. Denn mit dem ‘Etwas’ – unseren Selbstverständlichkeiten – geht das ‘Nichts’ – oder eben das Unbekannte einher. 

Und so beginnt unsere fünfteilige Reise “Philosophiert euch! – Weisheit mit Stäbchen” damit, wie wir uns von unseren Selbstverständlichkeiten befreien können, an denen wir uns in endlichen Systemen klammern. Wenn wir sprechen, steht dies in einem Kontext. Wenn gedacht wird, hat auch dieses Gedachte einen Bezug. Es geht also nicht um unsere Gedanken, sondern um das Denken unserer Gedanken. 

Wenn wir denken und sprechen, haben wir es also mit einer relativen Welt zu tun, die wir gerne verabsolutieren, um Halt zu finden. Dann fehlt uns die Zeit für Reflexion und die Offenheit für Negation – das Andere. Gibt es das andere nicht, so wird die Welt statisch und somit leblos und absolut.  

Eine vollständige Befreiung von Annahmen kann ein Ziel sein, aber wir brauchen Anhaltspunkte. Die Kategorisierung innerhalb einer Weltverständlichkeit ist die Grundlage, über die Welt frei zu denken. Eine Welt, die wir als wahrgenommene Realität am Besten als eine Paradoxe beschreiben können.  Zu einer solchen Dynamik der Kategorisierung – mit der damit verbundenen Befreiung von der zugrunde liegenden Zuordnung – verhilft uns die Philosophie, die philosophische Kontemplation. 

Meine Weltschanschung lässt sich derzeit etwa so beschreiben: Physik basiert auf Mathematik, Chemie basiert auf Physik, Biologie basiert auf Chemie, aber es läuft darauf hinaus, dass Mathematik etwas Grundlegendes ist. Die ewige Frage; wurde die Mathematik entdeckt oder erfunden, lässt sich bis heute nicht beantworten, denn im Kern finden wir Axiome oder Thesen, die nicht begründet werden. So finden wir im Unbekannten etwas noch Fundamentaleres: die philosophische Kontemplation. Die Philosophie kann dort korrigieren, wo sich die Wissenschaft in Annahmen und Absolutheiten verliert oder stecken bleibt. 

“Wir sind gefangen in der Scheinsicherheit unserer eigenen Wahrheit und haben Angst vor der Gefahr der Philosophie, weil sie relativiert und befreit“

Jeder von uns besitzt diese Fähigkeit, sich selbst kritisch zu hinterfragen und die eigenen Selbstverständlichkeiten auf den Prüfstand zu stellen. Mit dem Ansatz, unser Denken beim Denken zu beobachten, können wir unser eigenes Werden im Entstehen bewusst aktivieren. Mit dem Denken an sich können wir den Zugang zum “Philosophieren” finden. 

Eine neue Blüte der Philosophie

Die Philosophie hat herausfordernde Jahre hinter sich, sie braucht eine neue Blüte. Warum? Wenn die Gesellschaft gefällig wird und sich in einem unendlichen Meer von Belanglosigkeiten verliert, wird die Philosophie gefährlich, beziehungsweise sie muss es werden. Die Philosophie muss insofern gefährlich werden, dass sie in aufklärerischer Rolle genau jene intellektuellen, ökonomischen und technokratischen Türme einreißt, die uns heute in Gefangenschaft mit unseren Selbstverständlichkeiten und unserem selbsternannten Expertentum halten. Das 21. Jahrhundert steht – spätestens nach der globalen Wahrnehmung des Potenzials künstlicher Intelligenz  – im Zeichen Hegels. Der “Denker der Freiheit”, der “Denker aller Denker” mit seinen eigenartigen Sichtweisen kann uns gerade jetzt die benötigte “Starthilfe” bieten, während wir unbewusst und blind in Richtung technologischer Singularität und einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz (AKI) rasen.  Auch wenn Hegel sicherlich heute in einer rückblickenden Analyse erkennen würde, dass er vor etwa 250 Jahren selbst nicht Hegelianer genug war, geht es heute nicht um das Wissen, sondern um das Denken an sich. Seine Denkschule liefert eine Grundlage für die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Welt. 

Wir würden die Denker-Titanen auf unsere paradoxale Gesellschaft heute blicken? Ein stundenlanger Linkedin-Live “Stammtisch” mit Spinoza, Kant, Hegel und Nietzsche, um jetzige (praktische) Problemstellungen für unsere Zukunft (Menschheit) zu betrachten, wäre heute sicherlich ein titanisches Ereignis mit fluiden – dynamischen – Ausgang. Denn wir leben nicht in “Newtonien”, sondern in einer Quantenrealität oder gehorchen einer wie auch immer gearteten unterliegenden funky Physik, die noch nicht entdeckt worden ist. 

… Oder vielleicht ist es doch alles eine Simulation – (siehe hierzu: Leben wir in einer (Quantum) Simulation? ) )wie es so viele aus Technologie und Wissenschaft heute glauben. Zufälle und erlebte Merkwürdigkeiten scheinen sich außerdem innerhalb eines “Spiels” einfacher erklären zu lassen als im unendlichen Raum absoluter physischer Gesetze oder durch spirituelle Annäherungen.

Analytische und kontinental-philosophische Vordenker der vergangenen 250 Jahre treffen auf alte östliche Weisheit und Philosophie. Angesichts der laufenden und bevorstehenden technologischen Umwälzungen würden sie heute erkennen, dass auch sie mit ihren Grundannahmen in ihrem eigenen Denken gefangen waren, das mit der aktuellen Weltanschauung nicht mehr kompatibel ist. Die künstliche Intelligenz gepaart mit dem Einzug der Quantentechnologie zwingt den Menschen dazu, sich dem Denken zu stellen. Und das ist heute die größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit

Wir stehen jetzt vor einem Paradigmenwechsel. Der digitale Tsunami ist entweder das Faszinierendste und Spannendste, das der Menschheit je passiert ist, oder das Furchtbarste.  Mit einem “transzendentalen Denken” und einer grundsätzlichen Hinterfragung des Seins – das Leben an sich in Relation zu einer wie auch immer definierten Realität – müssen wir jetzt beginnen. 

Wir brauchen daher eine praktisch anwendbare Philosophie. Sie ist nicht nur die Grundlage eines dynamischen neuen Bildungssystems, sondern sie gehört auch in jede Aufsichtsratssitzung, jedes Vorstandsmeeting  und ebenso in die Machtzentralen der politischen Gestaltung. Die großen Denker waren  Denker ihrer Zeit. Und so sind wir – Du und Ich – Denker unserer Zeit. 

Philosophiert euch! – Weisheit mit Stäbchen

Teil 1: WIE WIR DENKER UNSERER ZEIT WERDEN
Teil 2: Denken aus der Dose
Teil 3: Ethik und Moral ohne Religion – Wie geht das?
Teil 4: Die Überwindung der Herdenstupidität
Teil 5: Die Sinnlose Zeit 

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